Keine Tour lässt sich komplett durchplanen. Bergsteigen ist immer Abenteuer, und davon möchte ich euch hier berichten:

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Adamello - Traumfrau und Diva

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Rädlergrat: Ins Gras beißen mal anders

26. Dez 2016
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Eiskögele Nordwand: Weit mehr als nur ein Kegelchen

12. Dez 2016
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Schrammacher "Diagonale": Winterbergsteigen ist Abenteuer

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20. Nov 2016
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Giganten aus der Urzeit

19. Okt 2016
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13.11.2016
Silvan Metz
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Ich darf euch herzlich auf meine neue Website www.silvanmetz.de einladen! Dort findet ihr ein ständig aktualisiertes Portfolio sowie ab jetzt auch alle neuen Blogeinträge. Ich bin im letzten Jahr relativ selten zum Schreiben gekommen, aber ich hoffe, dass sich das jetzt in den Wintermonaten wieder ändern wird. Also, vorbeischauen lohnt sich! www.silvanmetz.de
30.12.2015
Silvan Metz
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Es ist ja so eine Sache mit den Hochtouren in den Alpen. Im Sommer ist das Bergsteigen ja ganz angenehm, man friert wenig, es gibt keine Lawinengefahr, man muss nicht viele Klamotten mitschleppen. Leider ist zu dieser Zeit auch verdammt viel los. Bergeinsamkeit? Fehlanzeige. Dazu kommt, dass während der klassischen Hochtourenzeit zumindest in den Ostalpen kaum eine Eistour brauchbare Verhältnisse aufweist. Nordwände sind dann nur noch graue Blankeisflecken, geziert von unzähligen Steinschlagriefen... Anders dagegen sieht es im Spätherbst und Frühwinter aus. Zum Skitourengehen reicht der Schnee noch nicht aus, zu Fuß dagegen versinkt man im bodenlosen Schnee zwischen den Felsblöcken. Dafür sind Nordwände und Eisrouten meistens in besseren Zustand wie je zuvor. Die kalten Nächte und milden Tage zaubern Eislinien und Trittfirn, wie man sich nur wünschen kann. Klar, die Tage sind auch etwas kürzer, dafür aber hat man quasi von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Zeit, weil die tiefstehende Sonne kaum für einen schlimmen Anstieg der Temperatur sorgt. Anders als imm Sommer, wenn man spätestens mittags wieder im Tal sein sollte. Doch wie kommt man nun zu den Nordwänden und Eisrouten? Der Zustieg ist der Schlüssel, wenn man nicht hinkommt wird man es nicht klettern. Zu wenig Schnee für Tourenski, zu viel um zu Fuß zu gehen. Mit Schneeschuhen ist man definitiv zu langsam für das Hochgebirge... Das Zauberwort heißt Zustiegsski. Kurze, leichte Renn- oder Kinderski, 130-140cm lang, ausgestattet mit einer leichten Rahmen- oder Dratbügelbindung. Egal ob klassische Silvretta 404 oder luxuriöse Pure Performance, jede Bindung dieser Art ist unter Vorbehalt mit voll steigeisenfähigen Bergschuhen fahrbar. Bewaffnet mit solchen Kurzski wird man zur ultimativen unglaublich schnellen Winterklettermaschine. Im Aufstieg bewegt man sich auch bei tiefen Pulverschnee oder Bruchharsch noch so schnell wie im Sommer. Beim Klettern stören die kurzen leichten Ski kaum, zumal man ja auch mit präzisen Bergschuhen klettert, und nicht in klobigen Skischuhen. Reicht der Schnee nicht bis zum Parkplatz, dann kann man mit Bergschuhen die Ski auch bequem ein paar Stunden tragen. Die Sache hat natürlich auch einen Haken, klar. Denn bergab fahren mit 130cm langen Ski in Bergschuhen ist in etwa wie Badminton mit einer Bowlingkugel: Nämlich sche*ße. Stellt euch mal mit offenen Skischuhen in eine offene Tourenbindung und setzt einen schweren Hochtourenrucksack auf, dann versteht ihr was ich meine. Am Anfang denkt man, das geht doch nie. Aber nach ein bisschen Herumprobieren hat man irgendwann den Trick raus, dass man in Bergschuhen den Ski fast ausschließlich über die Fußsohle steuert. Und wenn man erstmal mit Zustiegsski fahren kann, dann ist das in etwa so, wie wenn man ein dunkles magisches Geheimnis kennt, von dem sonst niemand etwas weiß. Und dann wird man plötzlich zur Nordwandmaschine.  Natürlich wollte ich auch mal diese Geheimwaffe ausprobieren. Rennski, die leichteste Variante, kam aus Kostengründen nicht in Frage. Also besorgte ich mir ein Paar Fischer Prodigy Junior in 135cm Länge und montierte eine Silvretta Pure Performance Carbon darauf. Immerhin hatte ich so wenigstens die leichteste Bindung für diesen Einsatzzweck, sodass ich bei 1800 Gramm pro Ski herauskomme. Richtig schwer im Vergleich zu Rennski, klar, aber den eigentlichen Vergleich muss dieses System schließlich mit Schneeschuhen bestreiten. Und da ist es klar im Vorteil. Auch die Kinderski zeigen schnell ihre Vorteile gegenüber Rennski: Sie sind auf eine besonders leichte Schwungeinleitung abgestimmt und haben einen langen, fehlerverzeihenden Rocker. So sollen sie eigentlich Anfängern die ersten Schwünge erleichtern, doch mit Bergschuhen ist man auch als erfahrener Skifahrer äußerst dankbar für diese Gutmütigkeit. Nachdem ich die Ski bereits an der Weißseespitze (Bericht) mit ein paar wenigen Schwüngen auf der präparierten Piste testen konnte soll nun, Anfang November, die Feuertaufe stattfinden: Bewaffnet mit Kinderski, Eisgeräten und einem unbeschreiblich schweren 95-Liter-Rucksack fahre ich mit Bus und Bahn ins Pitztal und mit der Stollenbahn hinauf ins Gletscherskigebiet. Das Geld für das Ticket direkt zum Mittelbergjoch will ich mir sparen, also schleppe ich nun das gigantische Monstrum von Rucksack fünfhundert Höhenmeter über die Pisten nach oben. Ich verkaufe mir selber die Schinderei als Akklimatisierung, naja. Am Mittelbergjoch angekommen steige ich die leider immer länger werdende Strecke zum Taschachferner ab und schaufle mir auf einem herrlich gelegenem Podest einen Platz für mein Zelt aus. Im Grude soll das mein Basislager sein, doch das kleine Einmannzelt lässt eher Biwakstimmung aufkommen... Immerhin sitze ich schon um elf Uhr in der Sonne und habe so wirklich genug Zeit zur Akklimatisierung. Am nächsten Morgen stehe ich gleichzeitig mit dem Sonnenaufgang los und schlurfe lange vor Liftöffnung über den Taschachferner. Mein Ziel für heute ist die Nordwand des Hinteren Brochkogels, optisch immer noch eindeutig die schönste Firnflanke der Ötztaler Alpen. Eingebettet von mehreren Felspfeilern ziehen Firnrinnen direkt zum perfekten, pyramidenförmigen Gipfel, oben gekrönt von einem 90° steilen Eiswulst. Beim Zustieg können die Ski wieder voll überzeugen. Trotz relativ tiefen Schnees komme ich fast zügiger voran als im Sommer, und am Wandfuß angekommen verschwinden die kleinen Ski problemlos am Rucksack. Der ist dann kaum schwerer, als ich Steigeisen und Eisgeräte dagegen getauscht habe und über den Bergschrund klettere. Im unteren Teil überwiegt wieder einmal das wühlen im tiefen Schnee, doch etwa ab Wandmitte stoßen die Steigeisen immer wieder auf hartes Blankeis unter der dünnen Firnauflage. Die Anspannung in mir steigt, genauso wie das Brennen in den Waden. Doch ich fühle mich gut und komme wenigstens schnell voran, sodass ich schon bald unter dem Eiswulst stehe. Zwar reizt mich das direkte überklettern des monströsen Buckels schon, aber ohne Seilsicherung entscheide ich mich doch lieber, in einem linksbogen durch eine etwas flachere Eisrinne auszuweichen. Nach kurzen, aber erbitterten Kampf mit dem harten Eis stehe ich plötzlich unerwartet am Gipfel. Und was für ein Gipfel! der Hintere Brochkogel steht völlig exponiert wie ein Aussichtsturm über dem Taschach- und Vernagtferner. Auf jeder Seite fallen die Grate und Wände sofort steil ab, sodass der Blick wirklich wirkt wie aus dem Flugzeug. Nach kurzer Rast steige ich über den steilen und ausgesetzten Nordgrat ab. Zwischen tiefen Schnee warten auch immer wieder kurze Kletterstellen, bei denen ich nichtmal merke, dass ich ja eigentlich Ski am Rucksack habe. Und so dauert es nicht lange, bis ich am Bergschrund wieder Steigeisen gegen Ski tausche und über die herrlichen Hänge zurück zum Zelt fahren kann. Ich brauche nicht mal zehn Minuten für eine Strecke, für die mit Schneeschuhen über eine Stunde zu veranschlagen wären... Für den nächsten Tag habe ich mir ein höchst exklusives Ziel gesetzt: Den langen Jubiläumsgrat zur Wildspitze, direkt beginnend am Mittelbergjoch. Vor einem Jahr hörte ich zufällig von dieser Tour, hier am Mittelbergjoch, als wir beim Abfellen nach der Wildspitz-Nordwand (Bericht) uns kurz mit anderen Tourengehern unterhielten. Zwar fiel der Name der Tour, auch das Mittelbergjoch als Startpunkt wurde erwähnt, doch niemand wusste etwas genaueres. Ein Jahr lang spukte diese Tour daraufhin in meinem Kopf herum. Selbst im Internet waren keine Informationen zu finden, Fotos und Google Earth ließen keine Rückschlüsse auf die Schwierigkeiten zu. Ein echtes Abenteuer also, genau das was ich suchte. Entsprechend angespannt war ich also am Abend vor der Tour, frühs konnte ich beim besten Willen nichts essen. Eine Stunde vor Sonnenaufgang stapfe ich bei klirrender Kälte los und wühle mich durch hüfttiefen Schnee vom Mittelbergjoch den steilen Grat zu den Hohen Wänden. Hier sehe ich zum ersten Mal die Sonne, was für eine Wohltat! Den stark überwechteten Gipfel der Hohen Wände umgehe ich im sicheren Abstand auf der Südflanke, hier finde ich sogar guten Trittfirn. Doch das sollte bald vorbei sein...  Nach eineinhalb Stunden Wühlerei durch tiefen, steilen Schnee in eisiger Kälte offenbart sich mir nun dieser fast schon entmutigende Blick auf den Weiterweg. Das noch weit entfernte Ziel ist der eisige Gipfel der Wildspitze rechts im Bild. Was nun folgt könnte man eigentlich als eine Ansammlung der schlimmsten Bergsteiger-Abträume beschreiben. Auf und Ab, hüfttiefer Schnee und delikate Kletterstellen in brüchigen Fels, gewürzt mit einem kräftigen Schuss Föhnsturm. Doch ich fühle mich gut, ja, ich würde sogar sagen ich habe mich selten so gut gefühlt, auch wenn es komisch klingt. Und so setzte ich den Auftieg über diesen unbekannten, aber wunderschönen langen Grat auf Tirols höchsten Gipfel fort. Irgendwann bin ich an der Scharte unter dem Schuchtkogel angekommen. Hier habe ich fast die Hälfte der Kletterstrecke hinter mir, also gönne ich mir eine kleine Pause, nichtsahnend dass der entscheidende Teil erst kommen sollte. Nach der kurzen Rast versuche ich den Vorgipfel des Schuchtkogel zu umgehen, indem ich direkt in die Scharte zwischen Vor- und Hauptgipfel aufsteige. Was leicht aussah entpuppt sich als alpiner Eiertanz über abwärts geschichtete Felsplatten mit loser Schneeauflage, im wahrsten Sinne des Wortes gekrönt von einer 70° steilen Wechte. So komme ich ohne wirklichen Zeitgewinn am Gipfelgrat des Schuchtkogels an, der sich steil empor windet. Über abschüssige Felplatten, senkrechte Aufschwünge und viel viel Schnee balanciere ich mich nach oben. Der Blick vom Gipfel in die gegenüber liegende Nordwand der Wildspitze ist atemberaubend, doch ich habe kaum eine Sekunde dafür übrig. Ohne anzuhalten folge ich dem leicht abfallenden Grat, der hier fast schneefrei ist und aus bestem Granit besteht. Allerdings bietet dieser Granit auch anspruchsvolle Kletterstellen im oberen dritten Grad, die ich mit Steigeisen und Ski am Rucksack bewältigen muss. Das lässt mich trotzdem noch relativ kalt, ich mache mir eher Sorgen um den Gratgendarm, der sich vor mir aufbaut: Drei große scharfe Granitzacken, senkrecht nach Norden und nach Süden überhängend, jede Spitze höher als ein dreistöckiges Haus. Die Szenerie wirkt wie ein Bergtransplantat von Chamonix nach Tirol. Ein Überklettern ist unmöglich, soviel ist klar. Von den Hohen Wänden aus konnte ich vorhin ein Band ausmachen, dass unter den Spitzen auf der Nordseite entlang führt, doch dieses Band entpuppt sich jetzt als steiler Plattenschuss, der nach unten in eine senkrechte Felsstufe und darunter in eine steile felsdurchsetzte Eiswand abbricht. Was nun? Umkehren? Nein, das wäre auf jeden Fall genauso aufwendig und schwierig. Vorsichtig, auf dem Bauch liegend rutsche ich über den steilen Plattenschuss. Mit den Eisgeräten schaufel ich den Schnee über mir weg, um einen Riss zum Hooken zu finden. Der Schnee rieselt mir in den Nacken, in die Ärmel und läuft als kalte Rinnsale über meinen Rücken. Die Handschuhe sind auch schon klatschnass, doch das alles merke ich erst viel später. Hochkonzentriert arbeite ich mich Stück für Stück über die steilen Platten. Unter dem Schnee warten versteckte, heikle M4+ Kletterstellen. Irgendwann, nach einer gefühlten Unendlichkeit legen sich die Platten doch noch zu einem Band zurück. Von diesem Band muss ich nur noch ein paar Meter durch einen steilen Kamin abklettern, bis ich in der Scharte endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen habe. Erschöpft gönne ich mir noch eine Pause, diesmal weiß ich sicher, dass das Schwierigste nun hinter mir liegt. Es folgt noch ein weiterer schrofiger Gipfel, danach stehe ich am Rofenkarjoch. Hier beginnt der eigentliche Nordostgrat zur Wildspitze, ein feiner Firngrat, den viele Bergsteiger fälschlicherweise für den Jubiläumsgrat halten. Dieses letzte Stück wird häufig begangen, dabei ist es im Grunde nur der krönende Abschluss des eigentlichen Jubiläumsgrates, sozusagen das Sahnehäubchen. Das Gelände hier ist einfach, nach der Kreuzerschneide, der Schulter der Wildspitze folgt noch ein kurzes 50° steiles Stück zum Nordgipfel. Mittlerweile merke ich die Anstrengung und vor allem die Höhe, ich schaffe kaum zehn Schritte ohne Pause. Trotzdem komme ich irgendwann am Nordgipfel an, und natürlich gehe ich auch gleich weiter über den Verbindungsgrat zum höheren Südgipfel. Nach etwas über sechs Stunden Kletterei schlage ich am Gipfelkreuz an, hinter mir liegen Schwierigkeiten von 70° im Eis, Fels bis III und Mixedgelände bis M4+, solo. Und der Berg scheint mir zu gratulieren, ich werde mit einer unglaublichen Fernsicht belohnt, außerdem bin ich ganz allein bei Windstille am Gipfel. Vom Skidepot aus folgt wieder eine entspannte Abfahrt zum Zelt, doch heute sind meine Spuren nicht so elegant... Am nächsten Morgen packe ich alles zusammen und steige ganz in der Früh auf zum Mittelbergjoch, um über das Skigebiet abzufahren. Ich bin extra vor dem ersten Lift aufgestanden, denn so kann keiner sehen, wie ich mit dem riesigen Rucksack mit Bergschuhen und Kinderski ins Tal wackle. An der Gletscherzunge des Mittelbergferners ist auch die Schneegrenze, danach sind fast 800 Höhenmeter Skitragen angesagt. Mit Bergschuhen aber kein Problem. Direkt vom Pitztal aus fahre ich mit Bus, Bahn und wieder Bus ins hintere Stubaital, wo ich an der Talstation der Gletscherlifte übernachte. Am nächsten Morgen treffe ich mich mit Marko und meinem Vater, zusammen fahren wir mit dem ersten Lift ins Schaufelkarjoch und schwingen ein paar hundert Meter hinunter ins Gaiskar. Wir wollen die Nordwand des Zuckerhütl klettern, aber irgendwie mit ganz unterschiedlichen Ansätzen: Marko ist mit leichten Ski mit Pinbindung und leichten, aufstiegsorientierten Tourenschuhen unterwegs, mein Vater dagegen hat breite Ski mit Freeridebindung und abfahrtsorientierte Schuhe dabei. Und ich vertraue natürlich wieder auf Bergschuhe mit Kinderski... Als derart bunt zusammengewürfelte Truppe kommen wir trotzdem schnell am Wandfuß an. Ski werden gegen Eisgeräte getauscht und schon wühlen wir uns jeder in seinem eigenen Tempo die Wand hinauf. Im Mittelteil sorgt ein kurzer, 65° steiler Blankeisaufschwung für ein bisschen Spannung, doch danach ist wieder Wühlen angesagt. Der Ausstieg zum Gipfelgrat führt über verschneite Felsen. Zwar ist die Kletterei nicht wirklich schwierig, aber eben ziemlich fotogen. Also klettere ich voraus, finde einen Felsvorsprung und fange an zu Knipsen. Dieses Hindernis liegt schnell hinter uns und wir können wohlverdient Gipfelrast machen. Auch ein Verhauer bei der Abfahrt, der nochmal viel Zeit kostet, kann diesen Bergtag nicht mehr ruinieren. Eine weitere Spitzentour, die durch die Zustiegswaffe stark erleichtert wurde!
23.12.2015
Silvan Metz
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Nach dem traditionellen Skiausflug der Bergwacht am letzten Wochenende vor Weihnachten konnte ich irgendwie nicht genug bekommen. Das Wetter war gut, die Lawinenverhältnisse auch (ok, lag wohl daran dass es keinen Schnee gab...). Wie sich der Zufall ergab waren Lukas und Fabian gerade im Pitztal zum Skitouren gehen unterwegs. Kurzentschlossen packte ich also meinen Rucksack und fuhr von Ehrwald mit dem Bus nach Mittelberg ins hintere Pitztal. Dort kam ich im Dunkeln an und legte mich auch ziemlich bald schon neben dem großen Liftparkplatz in den Schlafsack. Da wird man ein bisschen schief angeschaut, aber geht schon. Am nächsten Morgen treffe ich mich also mit den beiden und wir fahren mit der ersten Bahn zum Mittelbergjoch. Komplett allein auf dem Taschachferner machen wir uns auf den Weg zur Wildspitze. Für mich ist das ein besonderer Berg, hier habe ich meine erste Skitour gemacht, meine erste Nordwand geklettert und außerdem meine bisher schwierigste Solobegehung gemacht. Heute allerdings gehen wir nur gemütlich den landschaftlich eindrucksvollen Normalweg hinauf und kommen zügig am Skidepot an. Uns empfängt starker Föhnsturm. Fabian hat zum ersten Mal Steigeisen unter den Füßen, also gehen wir den Gipfelgrat nach einer kurzen Einweisung gemütlich an. An der kurzen, aber ein bisschen heiklen Schlüsselstelle Trotz der erschwerten Bedingungen kommt Fabian gut zurecht steigt sicher über die etwas kniffelige Schlüsselstelle. Uns umgibt mittlerweile eine dramatische Föhnwetterlage. Das ist zwar nicht schlimm fürs Klettern, aber es sorgt dafür dass ich aus dem Fotografieren gar nicht mehr herauskomme. Bei meinen letzten drei Gipfelerfolgen an diesem Berg hatte ich stets Kaiserwetter mit entsprechend bombastischer Aussicht, doch zum Fotografieren machen Sturm und Wolken eben ein bisschen mehr her... Der Verbindungsgrat zum Nordgipfel wird bei dieser Wolkenstimmung mal eben als hochalpiner Laufsteg missbraucht Am Gipfel machen wir deshalb ein ausgedehntes Fotoshooting und mit dem Sucher vor den Augen kommandiere ich die beiden eifrig auf dem fotogenen Verbindungsgrat zwischen Nord- und Südgipfel hin und her. Natürlich vergesse ich auch nicht mit dem Pickelstil den vierten Strich zu meiner Liste in den Gipfelfelsen zu ritzen. Die Vorteile des Snowboards: Lukas zieht auch im windgepressten Harsch schöne Schwünge... Die Nachteile des Snowboard: Lukas schiebt über ein Flachstück, dahinter die Wildspitze Irgendwann machen wir uns an die Abfahrt, die wir drei recht speziell angehen. Fabian ist mit klassischen Tourenski und abfahrtsorientierten Schuhen unterwegs, Lukas setzt auf ein Splitboard während ich wieder mal mit kurzen Zustiegsski und Bergschuhen durch die Gegend taumle. Denn ich habe noch ein bisschen was vor: Unter dem Mittelbergjoch verabschiede ich mich von den beiden, die über das Skigebiet ins Tal fahren. Ich taste mich dagegen am Rand des leider viel zu spaltigen Taschachferners Richtung Taschachhaus vor, da ich am nächsten Tag durch die imposante Nordwand der Taschachwand klettern will. Eigentlich hatte ich zum Taschachhaus großzügig zwei Stunden einkalkuliert, doch ich muss bald einsehen dass das wohl nichts wird. Die schwache Schneeauflage zwingt mich schnell auf die Moräne, auf der ich mich zu Fuß durch den teilweise tiefen Schnee wühlen muss. Nach einem kurzen Klettersteig folgt eine Querung der untersten Gletscherzunge, ein Gegenanstieg und die steile Querung der Moränenflanken am Pitztaler Urkund. Ski, Steigeisen und wieder mal zu Fuß. Der ständige Wechsel fordert seinen Tribut und so stehe ich erst vier Stunden später nach Einbruch der Dunkelheit am Taschachhaus, wo ich es mir im Winterraum gemütlich mache. Immerhin habe ich die längste Nacht des Jahres vor mir und somit genug Zeit zur Erholung. Beim langwierigen Abstieg zum Taschachhaus Die Taschachwand. 600 Meter hoch, bis zu 60° steil und bedeckt mit grundlosem Pulverschnee Am nächsten Morgen dann das selbe Spiel. Statt einer großzügigen Stunde brauche ich zum Einstieg der Wand zweieinhalb Stunden. Gut, hätte ich mir denken können. Ich habe ja auch keinen Zeitdruck, die tageszeitliche Erwärmung spielt im Dezember fast keine Rolle. Ich packe also die Ski an den Rucksack und steige mit Steigeisen und Eisgeräten die sechshundert Meter hohe Taschachwand hinauf. Beziehungsweise wühle. Denn der gute Trittfirn hört nach gerade mal einhundert Höhenmetern schon wieder auf und weicht grundlosem Pulverschnee der das Klettern zur Hölle macht. Irgendwann komme ich aber auch so an der Headwall an, wo die Gletscherschmelze in den letzten Jahren aus der leichten Firnflanke ein 60° steiles Eisschild gezaubert hat. Ich schleiche mich am rechten Wandteil durch eine Eisrinne, die immerhin immer wieder gute Ausruhmöglichkeiten bietet, trotzdem brennen mir schnell die Waden. Umso lauter fällt also der Gipfeljauchzer aus, als ich endlich auf dem Taschachhochjoch am Ende der Wand die Sonne sehe. Die Schwierigkeiten liegen größtenteils hinter mir, doch oben bin ich noch nicht. Erst muss ich noch den langen und tief verschneiten Verbindungsgrat zur Petersenspitze überwinden, was mich nochmal eine Stunde kostet. Gipfelaussicht von der Petersenspitze zum Vorderen Brochkogel und zum Similaun Auf der Petersenspitze folgt ein zweiter Gipfelschrei, bevor ich zügig die Steigeisen gegen die Zustiegsski tausche und mit einer Schussfahrt hinüber zum Wildspitze-Normalweg zische. Nach dem Gegenanstieg zum Mittelbergjoch folgt noch die lange, eigentlich gesperrte Talabfahrt nach Mittelberg. Gesperrt deswegen, weil dieser Winter seinem Namen leider kaum gerecht wird. Auf den letzten Schneeresten komme am Liftparkplatz an. Hier treffe wieder Fabian und Lukas, mit denen ich nach einem sehr langen Wochenende nach Hause fahre...
30.09.2015
Silvan Metz
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Ende September. Das Wetter in den Alpen ist gut, ein Hochdruckgebiet hat sich festgesetzt und beschert jeden Tag blauen Himmel und Windstille. Klar, da muss ich eine Tour machen! So kurzentschlossen hat wieder mal keiner meiner Tourenpartner Zeit, also packe ich Eisgeräte und Zustiegsski ein und fahre allein ins Kaunertal. Nachdem ich die unzähligen Kehren der Kaunertaler Gletscherstraße hinter mich gebracht habe stehe ich auf 2700 Meter Höhe auf dem großen Parkplatz des Gletscherskigebiets. Ich steige noch kurz auf einen kleinen Felsgipfel hinter dem Parkplatz, von dem aus ich einen hervorragenden Blick über das Tal habe. Und natürlich kann ich von hier aus auch mein Objekt der Begierde, die Nordwand der Weißseespitze, ausführlich studieren. Mit 3518 Metern ist sie der höchste Gipfel in der näheren Umgebung, wie eine eisige Trutzburg steht sie hoch über dem Parkplatz und den Liften. Leider hat ihre Nordwand durch den Klimawandel so einiges an Substanz verloren. Vor wenigen Jahren noch galt das Eisschild als ideale Tour für Einsteiger, umso erschrockener bin ich jetzt beim Anblick des steilen, felsdurchsetzten Schutthaufens. Ohne erheblichen Felskontakt wird hier kein Durchkommen sein, auch braucht man eine ausgeklügelte Routenführung und entsprechendes Orientierungsvermögen beim Klettern. Na gut, ich hab ja nie gesagt dass ich es leicht haben möchte. Nachdem ich zum Auto abgestiegen bin und mir noch Nudeln gekocht habe mache ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem und schlafe auch bald zum Surren der Schneekanonen ein...  Am Vorabend studiere ich gemütlich von einem Felskopf aus das morgige Tourenziel  Detailfoto der Nordwand. In Schleifen steige ich über Bänder und Felsstufen durch die Wand Am nächsten Morgen reißt mich der Wecker lange vor Sonnenaufgang aus dem Schlaf. Am Horizont zeigt sich ein zarter schmaler Streifen Farbe, doch die Weißseespitze steht noch als schwarzer düsterer Klotz hoch über mir. Das schwierigste am Solobergsteigen ist das Aufbrechen. Mühsam quäle ich mich aus der Geborgenheit des Schlafsacks und steige in die kalten Bergschuhe. Kurz darauf laufe ich schon mit noch steifen Schritten über die Skipiste Richtung Wandfuß. Mithilfe der Zustiegsski komme ich schnell voran, und schon nach einer halben Stunde überquere ich den ersten Bergschrund der Wand. Hier ist das Gelände noch nicht wirklich steil, und so zirkele ich in Spitzkehren über das untere Eisfeld. Beim zweiten Bergschrund am Übergang zum zweiten Eisfeld wird es zu steil, ich schnalle die kleinen Ski an den Rucksack und die Steigeisen an die Schuhe. Das zweite Eisfeld steilt von 45° am Anfang bis 50° am Ende auf, eigentlich nicht schwierig, doch unter einer dünnen Neuschneeschicht liegt hartes Gletschereis. Nach kurzer Zeit schon brennen mir die Waden, ich muss regelmäßig auf den Seitenzacken stehend Pause machen. Doch auch das qualvolle zweite Eisfeld liegt irgendwann hinter mir und ich stehe am dritten und obersten Bergschrund. Hier beginnt das felsdurchsetzte schwierige Gelände. Zweifel plagen mich. Wie wird der Schnee sein? Wie fest ist der Fels? Kann ich eine Route durch das steile Labyrinth finden? Noch kann ich, wenn auch umständlich, umdrehen und absteigen. Bin ich erstmal im Felssteil, wird das schwierig. Irgendwann gebe ich mir einen Ruck und klettere energisch über den Bergschrund. Ich muss hier einige Meter 70° steiles Eis überwinden, dann stehe ich entspannt am Fuß einer Schneerampe, die mich nach oben führt. Die ganze Wand ist tief mit Pulverschneeüberzogen, der das Vorankommen mühsam macht. Guter Trittfirn? Fehlanzeige. Dafür kann man sich im Pulverschnee wenigstens jederzeit problemlos ausruhen. Ich folge der Rampe so lange wie möglich, dann muss ich einige Steilstufen über brüchigen verschneiten Fels klettern. Vorsichtig die Spitzen der Eisgeräte in den stabilsten Rissen verklemmen, Steigeisen auf festgefrorene Kieselsteine stellen und Hochsteigen. So mogel ich mich Schritt für Schritt durch das heikle M3-Gelände. Nach zwei kurzen Schneebändern und weiteren Felsstufen stehe ich auf einem großen Band, auf dem ich die gesamte Wand queren muss. Der Schnee liegt hüfttief, doch ich komme gut voran. Jedes Zeitgefühl ist vergessen, ich werde eins mit der Bewegung. Irgendwann liegen auch die letzten Felsen hinter mir und ich muss nur noch auf dem Gipfeleisfeld über ein paar wadensprengende Blankeisstellen hechten, dann sehe ich die Sonne. Was für eine Wohltat! Die Wand legt sich zum weitläufigen Gipfelplateau zurück, dahinter tauchen Bernina, Ortler, Weißkugel und Dolomiten auf. Ich gehe noch zum Gipfelkreuz hinüber und gönne mir bei herrlichen Kaiserwetter eine ausgedehnte Gipfelrast. Irgendwann mache ich mich an den Abstieg, der über den langen Westgrat führt und nochmals einige Kletterstellen sowie Gegenanstiege bereithält. Der Grat endet an der Bergstation der Skilifte. Hier nehme ich die Zustiegsski vom Rucksack, gespannt, wie die Abfahrt auf 135cm langen Kinderski und in Bergschuhen wird. Es ist mein erster Versuch mit diesem Setup, und so sehr ich beim Aufstieg begeistert war, so stark zweifel ich jetzt über die Abfahrtsperformance. Zurecht, nach einem Meter liege ich auf der Nase. In Bergschuhen kann man keinen Druck aufs Schienbein bringen, man kann den Ski lediglich über den Fußballen und vorsichtige Belastungsänderungen steuern. Ich falle noch ein paar mal hin, doch dann habe ich den Bogen raus: In schönen Kurzschwüngen wedele ich die noch geschlossene Skipiste hinunter, einen Jauchzer nach dem anderen ausstoßend.  Gipfelaussicht zur Weißkugel hinüber. Auf diesem Gipfel stand ich ein halbes Jahr vorher mit Tourenski Am nächsten Tag trage und schiebe ich noch mein Mountainbike tausend Höhenmeter in die hochalpine Riffelscharte hinauf. Auf dieser Tour erlebe ich nochmal einen schönen Sonnenaufgang über dem Kaunertal. Die Abfahrt dagegen ist weniger der Bringer. Die Leitfrage beim Bikebergsteigen "Alles fast fahrbar oder fast alles fahrbar" fällt hier leider stark Richtung "Alles fast fahrbar" aus... Sonnenaufgang über dem Eispalast der Weißseespitze Panorama von der Riffelscharte. Rechts im Bild sind Weißseespitze und Weißkugel zu sehen "Fast alles fahrbar oder alles fast fahrbar?" Anmerkung: Die Nordwand der Weißseespitze ist keine Anfängertour mehr! Wer hier einsteigt sollte eine gute Portion alpine Erfahrung mitbringen und sich im brüchigen Fels wohlfühlen. Auch reichen die Schwierigkeiten durch das Abschmelzen der unteren Gletscherstufe mittlerweile über eine Höhendifferenz von fast 500 Höhenmetern, sodass zusätzlich auch mehr Kondition gefragt ist als früher. Werden Schwierigkeiten gewachsen ist sollte die Wand baldmöglichst machen. Die Verhältnisse werden so schnell nicht besser, im Gegenteil, der Klimawandel wird uns nur noch mehr schöne Nordwände nehmen...
01.09.2015
Silvan Metz
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Schweizer Berghütten sind ja bekanntlich recht teuer. Seilbahnen auch. Schüler und Studenten dagegen eher arm. So hatten Jan und ich recht schnell den Plan geschmiedet, einige Hochtouren in der Bernina „by fair means“ anzugehen. Das heißt, wir wollen vier Tage durch diese Gebirgsgruppe laufen und klettern, ohne auf eben jene teuren Hilfsmittel wie Hütten und Seilbahnen zurückzugreifen; also alle Höhenmeter aus eigener Kraft zurücklegen und dabei alles schleppen, was wir so brauchen. Entsprechend schwer sind unsere Rucksäcke, als wir nach einer langen Autofahrt in der brütenden Hitze an der Talstation der Diavolezzaseilbahn loslaufen. Unser erstes und wichtigstes Ziel ist der berüchtigte Bumillerpfeiler am Piz Palü; das ist der mittlere und der schwierigste der drei charakteristischen Nordwandpfeiler dieses Berges. Für die anspruchsvolle Kletterei brauchen wir zusätzliche Sicherungsmittel, für den Fall des Falles sind auch zwei Trittleitern und Skyhooks dabei. Was die monströsen Rucksäcke noch schwerer macht. Beim fast tausend Höhenmeter langen Zustieg zum geplanten Biwakplatz teilen wir weite Strecken des Weges mit den Gästen des Diavolezza-Berghotels – mit ihren kleinen leichten Hüttenrucksäcken. Dummerweise lassen wir uns so dazu verleiten, unsere „Konkurrenz“ zu überholen und kommen so viel zu schnell und viel zu erschöpft an der Furcola Trovat an, wo wir biwakieren wollen. Biwakplätze gibt es hier ja zuhauf, luxuriös mit gemauerten Wänden und fantastischer Aussicht – Nur leider hat sich der Cambrenagletscher mittlerweile so weit zurückgezogen, dass das Eis und damit auch die so wichtigen Schmelzwasserflüsse siebzig Meter tiefer liegen. Wir sind uns einig, zwei drei mal zum Wasser holen die bröseligen Moränenhänge hinunter- und wieder heraufkraxeln, darauf haben wir keine Lust. Also laufen, stolpern, und rutschen wir über den steilen Schotter hinunter und mauern uns auf dem schuttbedeckten Gletscherrand selber einen Biwakplatz. Ein bisschen kälter, weniger Aussicht, aber dafür fließend Wasser... Piz Palü (links) und Piz Bernina Durch die Schmelzwasserflüsse haben wir sogar fliessend Wasser am Biwakplatz... Immerhin, auch von hier aus sieht man unser ursprüngliches Ziel, den mächtigen Bumillerpfeiler. Allerdings sehen wir auch den vielen frischen Neuschnee, der den steilen Fels eingekleistert hat. Unter diesen Voraussetzungen sind wir dann doch einsichtig und disponieren kurzerhand um auf den ebenso schönen, aber etwas leichteren Östlichen Nordwandpfeiler. Eine offenbar glückliche Entscheidung, wie wir am nächsten Abend sehen sollten. Die Nacht ist kurz und ein bisschen kühl, zumindest für mich, denn ich habe nur einen leichten Sommerschlafsack dabei. Der wärmt etwa so gut wie ein nasses T-shirt, während Jan neben mir im warmen Daunenschlafsack schon längst friedlich schlummert. Naja, wir sind ja zum Bergsteigen hergekommen, und nicht zum schlafen. Ich bin dementsprechend wenig traurig, als am Morgen endlich der Wecker klingelt. Gähnen, Kaffee kochen, Müsliriegel reinstopfen und los geht’s. Die Karawane der vielen Hüttengäste kommt auch gerade auf dem Gletscher eingetrudelt, also hetzten wir uns gleich zu Beginn schon wieder viel zu sehr ab. Immerhin wollen wir im engen Cambrenaeisbruch nicht Schlange stehen. Mit 190er Puls ziehen wir an einer Seilschaft nach der anderen vorbei und sind so schon kurz nach dem Eisbruch im vorderen Bereich. Allerdings bin ich auch schon völlig fertig; ich spüre die Höhe und den zu schnellen Aufstieg, obwohl wir gerade mal an der Abzweigung zur eigentlichen Tour sind... Über der Randkluft wartet steile und griffarme Plattenkletterei Traumhafter Granit am Grat. Direkt über Jans Kopf ist schon klein der Felsturm zu sehen, der die Schlüsselstelle markiert An der Randkluft stehen wir schon vor dem ersten Hindernis, wir stehen vor einer glatten, senkrechten Granitplatte, griffarm, sandbedeckt und kaum abzusichern.Vor ein paar Jahren konnte man wohl noch auf dem Gletscher direkt auf das darüber gelegene Felsband steigen. Angesichts meines Zustandes lasse ich Jan vorsteigen, der die steile Platte mühelos meistert. Da habe ich selbst im Nachstieg noch mehr zu kämpfen. Auf dem Felsband darüber, Jan steigt bereits am langen Seil weiter, sehe ich unter einem Felsblock ein ausgeblichenes Stück Bandschlinge hervorschauen. Es entpuppt sich als uralter Friend, der wettergegerbt, voller Kratzspuren und arg verbogen ist. Was er wohl für eine Geschichte erzählen könnte? Ist das einfach ein Fixer Friend, den Steinschlag so zugerichtet hat? Oder wurde er durch einen Sturz aus der Wand gerissen? Womöglich mitsamt dem Kletterer? Schnell klippe ich das Fundstück hinten an den Rucksack und folge dem energischen Seilzug nach oben. An der Gratkante hat Jan Stand gebaut, vor uns tummeln sich einige Seilschaften. Überholen wird kaum klappen, also lassen wir es („endlich“) auch ein bisschen gemütlicher angehen und Klettern ebenfalls von Stand zu Stand. Jan fühlt sich wohl etwas ausgebremst, doch mir kommt diese Erholung gerade recht. Über wunderbare Kletterstellen im besten Granit geht es wie auf einer Himmelsleiter immer höher. Nie wirklich schwer, aber auch nur wenig Gehgelände. Bergsteigen aus einer anderen Welt. Kurzes leichtes Gehgelände über dem Labyrinth des Cambrena-Eisbruchs... Immer wieder sorgen kurze steile Aufschwünge für Abwechslung Irgendwann kommen wir zur steilen Schlüsselstelle, einem hohen, überhängenden Gratturm aus fantastischen rotgoldenem Toastbrotfels mit einer griffarmen Granitplatte. Ohne Risse für Friends oder Keile, die einzige Sicherung ist ein uralter, wackelnder 1-mm-Messerhaken, an dem eine fransige Trittschlinge baumelt. Meine innere Schwierigkeitsmessung pendelt (angesichts meines Zustands) irgendwo zwischen „What the fuck?!“ und „Holy shit!“. Zum Glück sieht Jan das anders und steigt wieder vor. In der Tourenbeschreibung stand ja auch nur etwas von IV-... Doch auch Jan als starker Sportkletterer muss nach einem kurzen wackeligen Freikletterversuch beherzt in die Schlinge greifen und treten, akustisch untermalt von Ausdrücken der Verwunderung. Im Nachstieg hänge ich zwei mal im Seil. Wir bewerten die Stelle mit mindestens VI/VI+. Das aussichtsreiche Finale hoch über dem Persgletscher Danach geht es allerdings wieder entspannter weiter, nach einigen langen Seillängen voller interessanter Kletterstellen verschwinden die Felsen unter der scharfen Schneide des firnigen Gipfelgrates. Die Gipfelwächte scheint zum Greifen nah, doch uns trennen immer noch gut einhundert Höhenmeter vom Ausstieg. Mich hat die Höhe mittlerweile wieder voll im Griff, mehr als fünf Schritte am Stück sind nicht drin. Ich lasse Jan vorgehen, und wenig später können wir uns dann am Gipfel die Hände schütteln. Und Brotzeit machen und Bier trinken. Der schmale Firngrat am Beginn des Abstiegs Aussichtsreicher Balanceakt Da der Plan für die nächsten zwei Tage noch nicht feststeht warten wir nicht allzu lange mit dem Abstieg und rennen zügig über die weichen Hänge nach unten. So sind wir schon wenig später wieder am Biwakplatz und können uns beratschlagen. Jan möchte gerne den Biancograt am Piz Bernina machen, sicher DIE Tour schlechthin in der Gegend. Allerdings würde das bedeuten, dass wir heute noch ins Morteratschtal absteigen müssen, morgen dann eine 1500-Höhenmeter-Verbindungsetappe vor uns haben und danach noch die nicht leichte Tour mit ihrem langen, komplizierten Abstieg. Ich habe die Tour schon zwei Jahre zuvor gemacht, außerdem bin ich völlig platt und habe wenig Lust auf einen Abstieg über den Persgletscher Richtung Bowalhütte. Viel lieber würde ich hier bleiben, morgen gemütlich die Eisnase am Piz Cambrena klettern und damit dann abschließen. Insgeheim hoffe ich also auf einen schlechten Wetterbericht, aber nein, der Blich aufs Smartphone zeigt Kaiserwetter für morgen und eine aufziehende Kaltfront übermorgen Abend, wenn wir schon im Tal sind. Also gut, Rucksack aufsetzen und den Cambrenagletscher zum Persgletscher und weiter zum Morteratschgletscher absteigen. Unzählige Gletscherspalten und Schotterhänge später sitzen wir endlich auf einem Grasbuckel in der Nähe der Bowalhütte. Jetzt, nach Abendessen und Sonnenuntergang können wir sehen, dass wir mit dem Verzicht auf den Bumillerpfeiler richtig entschieden haben: Ein Helikopter fliegt auf der anderen Talseite gerade eine Seilschaft aus der Route. Sie sind kaum bis zur Hälfte der Kletterei gekommen. Nach der erholsamen Nacht folgt die lange und anstrengende Verbindungsetappe hinauf in die Furcola Bowal, der Abstieg ins Val Roseg zur Tschiervahütte und schließlich wieder der mühsame Aufstieg zur Furcola Prievlusa auf fast 3500 Meter Höhe. Pompöser Sonnenaufgang über dem Festsaal der Alpen Beim Abstieg ins Val Roseg bieten sich eindrucksvolle Blicke in die pralle Nordwand des Piz Roseg Wir kommen zügig voran und sind schon kurz nach Mittag an diesem schönen Biwakplatz, sodass wir noch ein bisschen Sonne tanken und nasse Klamotten trocknen können. Die Nacht wird wieder kälter, ich zittere mich im dünnen Schlafsack immer wieder aus dem Schlaf. Am Morgen empfangen uns Wind und Nebelfetzen, die immer wieder über die Scharte geweht werden. Im Westen zeichnet sich am Horizont unter dem Mondlicht ein Wolkenband ab. Ist die angekündigte Kaltfront zu früh dran? Wann ist der Sturm hier? Naja, ich kenne ja die Route, also sollten wir mit ein bisschen Nebel ja kein Problem kriegen. Glaube ich zumindest... Am Beginn des Firngrates Zwei Stunden später stehen wir nach unzähligen Verhauern und Sackgassen endlich am Beginn des Firngrates. Meine Moral ist völlig im Eimer, die Höhenkrankheit ist auch zurück. Noch aber ist die Luft klar, und uns bietet sich das spektakuläre Schauspiel eines fantastischen Sonnenaufgangs über dem Engadin. Ein farbenfroher Sonnenaufgang ohne Wolken verheißt meistens schlechtes Wetter - die rötliche Färbung kommt von der erhöhten Luftfeuchtigkeit Am Grat weht mittlerweile starker böiger Sturmwind, was den leichten Firngrat zu einem hochalpinen Eiertanz macht. Nicht wenige Bergsteiger sind schon von ähnlichen Graten in den Tod geweht worden. Wenige Minuten bevor der Sturm uns verschluckt bietet sich noch einmal ein schöner Tiefblick Das Wolkenband wabert jetzt schon über den Malojapass, und wenig später sind auch wir verschluckt. Die Sonne verschwindet hinter diffusen Weiß, Raureif überzieht unsere Klamotten und Gesichter. Na Super. Immerhin schneit es nicht, und so kommen wir einigermaßen zufrieden am Gipfel an. Ohne Handschlag geht es hier weiter, wir beeilen uns den ausgesetzten Abstieg zur Marco e Rosa Hütte schnell hinter uns zu bringen. Nach einigen schwindelerregenden Balanceakten und mehrmaligen Abseilen kommen wir an der Hütte vorbei, doch eine Pause gönnen wir uns immer noch nicht. Zu groß die Angst, dass wir auf den weiten Gletscherflächen zur Bellavistaterasse die Orientierung verlieren könnten. Wir kommen bald in einen Geschwindigkeitsrausch, alle Energiereserven werden mobilisiert. Über die Gletscherzunge des Morteratschgletschers und das Val Morteratsch hinaus rennen wir regelrecht. Und tatsächlich, gleichzeitig mit dem ersten Regentropfen kommen wir am Bahnhof an. Wir haben nicht einmal zehn Stunden gebraucht für die Tour, für die ich zwei Jahre zuvor noch sechzehn Stunden brauchte...
17.08.2015
Silvan Metz
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Chamonix, Mont Blanc, Mer de Glace, Grand Jorasses, Aiguille Verte, Droites, Courtes... Unzählige klingende Namen, unzählige historische Meilensteine und noch viel mehr Routen jeder Art. Von der "Erfindung des Alpinismus", der Erstbesteigung des Mont Blanc über die Tragödien und Triumphe der Jorasses und des Freneypfeilers bis hin zu modernen Plaisirrouten. Von berühmten leichten Einsteigertouren wie dem Bossesgrat bis hin zur schwierigsten Route der Alpen, der Voie Lafaille. Es gäbe noch unzählige Dinge aufzuzählen, die Chamonix so einzigartig machen, dass jeder Alpinist von der Hauptstadt des Bergsteigens träumt, oder, wie es ein namhafter Outdoorartikelhersteller in einer Werbekampagne nannte, dem "ultimate playground for everything awsome". Natürlich wusste ich auch schon lange, dass ich unbedingt da hin muss. Als sich dann spontan die Möglichkeit bot, mit Andi und Lukas eineinhalb Wochen zum Mont Blanc Massiv zu fahren war ich Feuer und Flamme, mit meinen Tourenwünschen allerdings hätte ich zwanzig Wochen füllen können... Die Eindrücke aus dem Paradies möchte ich hier als Fotostory ein bisschen nacherzählen: Nach der langen Fahrt von Bad Kissingen nach Chamonix packen wir unsere Sachen und fahren mit der berühmten Seilbahn auf die Aiguille du Midi, der "Eintrittskarte" zum Herzen des Mont Blanc Massivs. Oben angekommen wartete schon ein Schneesturm auf uns, der nur ein paar Meter Sicht zuließ. Das macht die Sache natürlich nicht einfacher, mit zwei schweren Rucksäcken pro Person den schmalen und ausgesetzten Midi-Plan-Grat zur Hochebene des Col du Midi abzusteigen. Dort graben wir zum Schutz vor dem Sturm ein möglicht tiefes Loch für das Zelt und liegen dann auch ziemlich schnell erschöpft auf den Isomatten... Doch jetzt zeigt sich, dass es sich durchaus gelohnt hat, so viel Gewicht in die Rucksäcke zu packen: Wir schlagen uns die Bäuche voll mit Wurst, Käse, Steaks und sogar einem Baguette, dass seinen Platz vorher in der Skihalterung eines Rucksacks fand. Natürlich haben wir auch eine ansehnliche Zündbatterie aus Hülsengeschossen dabei, die wir immerhin optimal kühlen können. Der erste Nachmittag und Abend ist so recht schnell vorbei...  Am Morgen darauf hat sich der Sturm verzogen. Kristallklar liegt die kalte Morgenluft über der Schneelandschaft, kein Wölkchen trübt den Himmel ein, genauso wenig ist auch nur ein Hauch von Wind zu spüren. Zum ersten Mal kann ich die großartige Landschaft sehen, die uns umgibt: Wie versteinerte Haifischzähne ragen die Jorasses und der Dent  du Geant in die Dämmerung. Erhaben, wie echt gewordene Bilder aus dem Himalaya trohnen die Tres Monts über den Dingen. Wir haben heute nur eine kleine Eingehtour über den klassischen Arete des Cosmiques vor, deshalb bleiben Andi und Lukas auch noch liegen, während ich mich noch vor Sonnenaufgang aus dem Schlafsack schäle und zur Abbruchkante des Col du Midi hinüber laufe, um Fotos zu machen. Der Blick ins fast 3000 Meter tiefer gelegene Avretal ist atemberaubend. Als sich die Sonne dem Horizont nähert, bieten auch die Gran Jorasses ein lohnendes Motiv Wir sind nicht die einzigen Bergsteiger in der Gegend, und bei Sonnenaufgang stapft eine Seilschaft bereits Richtung Taculflanke über die Gletscherebene. Ungeachtet der doch recht erheblichen Neuschneemengen, die zusammen mit Windverfrachtung an diesem Tag zahlreiche Lawinenabgänge erwarten lassen. Wir sind erstmal vorsichtig und machen uns nach einem Frühstück erstmal an den Cosmiquesgrat, der sichere und spaßige Kletterei verspricht.  An der ersten Abseilstelle Nach ein paar Mal auf und ab erreichen wir den bekannten Gratturm aus besten goldenen Granit, und natürlich muss auch ich mich an diesem Fotoklassiker austoben. Danach wechselt die Route in die schattige und eisige Nordseite, was nochmals für Abwechslung sorgt und neue Fotomotive bereithält. Lukas vor den Gletschern des Mont Blanc. Die Szenerie ist so mächtig, dass ich ein vertikales Panorama aus fünf Einzelbildern zusammensetzen muss, um alles auf ein Bild zu bekommen! Bald schon entkommen wir der kalten Nordwand wieder und genießen die Aussicht von der Gipfelterasse der Aiguille du Midi, bevor wir wieder den Midi-Plan-Grat absteigen. Diesmal, ohne Wolken, zehrt die Ausgesetztheit noch mehr an der Psyche als gestern im Schneesturm... Am Nachmittag steigen Lukas und ich noch in die Rebuffalt-Route am Midi-Südpfeiler ein, zum auskundschaften. Nach drei Seillängen mit allerbester Kletterei im besten Fels, den ich je berührt habe drehen wir um und seilen zum Wandfuß ab, es ist schon zu spät. Am nächten Tag haben wir uns notgedrungen auf die Tres Monts Route zum Mont Blanc geeinigt. Ich wäre lieber in die Chere-Eisrinne am Triangle du Tacul eingestiegen, doch ich wurde überstimmt. Wenig überzeugt stiefel ich den beiden also am nächsten Tag um drei Uhr Richtung Taculflanke hinterher. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den Monarchen bei meinem ersten Mal nicht über eine der vier Normalrouten zu besteigen, da ich wenig Lust hatte mich in eine Karawane schlecht vorbereiteter "Bergsteiger" einzureihen und tausende Höhenmeter im Schnee emporzustapfen. Und jetzt bestätigt sich mein Vorurteil: Circa Hundert Leute sind bereits jetzt auf der Autobahn unterwegs, viele davon leiden bereits hier, 1400 Meter unter dem Gipfel an Höhenkrankheit und werden von ihren Kameraden und Bergführern regelrecht mitgeschleift. Immerhin können wir so eine Seilschaft nach der anderen überholen und sind nach dem kurzen Abstieg in den Col du Tacul die zweite Seilschaft - Es ist immer noch schwärzeste Nacht. Doch nun baut sich über uns die Flanke des Mont Maudit auf. Technisch nicht schwierig, dennoch haben in zahlreichen Lawinen hier schon viel zu viele Bergsteiger ihr Leben gelassen. Der Name des Berges bedeutet "Verfluchter Berg". Ich führe gerade unsere Seilschaft. Unter dem Bergschrund eigen aber schon ein paar schnelle Tests, hier geht es heute nicht weiter. Schneidet man einen Schneeblock mit dem Pickelstiel auch nur vorsichtig an, schon rutscht er ab. Die Seilschaft vor uns enscheidet sich hier genau wie wir zur Umkehr. Immerhin erreichen wir so noch vor Sonnenaufgang die Gipfelfelsen des Mont Blanc du Tacul, den wir immerhin noch mitnehmen wollen. Wie auf einer Aussichtskanzel stehen wir über dem Herzen des Mont Blanc Massivs, als sich der Horizont langsam rötlich färbt. Ich komme vor lauter Motiven mit dem Fotografieren kaum hinterher.  Die walliser Viertausender in der Morgendämmerung Es ist immer noch bitterkalt, doch obwohl ich bei der Bedienung der Kamera schon lange das Gefühl in allen Fingern verloren habe macht mir das jetzt und hier kaum etwas aus. Ich bin viel zu sehr im Fotorausch, ja, ich vergesse sogar regelmäßig zu atmen - was man in 4200 Meter Höhe allerdings machen sollte...  Andi und Lukas haben weniger Glück, sie frieren und zittern als wir die letzten Meter zum Gipfel klettern. Alle warten wir so gespannt und sehnsüchtig auf die erlösenden Sonnenstrahlen, die nach einer Unendlichkeit die etwas höheren Gipfeln von Mont Blanc und Mont Maudit in fast schon kitschiges Rosa tauchen.  Wenn man in den Alpen hoch oben auf den Felsen und Gletschern eines 4000ers einen Sonnenaufgang miterlebt, dann ist das kein langsames Schauspiel. Man hat kaum Zeit zu beobachten, wie sich die Sonne über den Horizont schiebt. Die ersten, glutroten Strahlen schießen fast explosionsartig aus dem Nichts; innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelt sich die kalte, unwirkliche Dämmerung in blendendes, aber endlich wärmendes Rampenlicht. Besser kann ein Bergtag nicht beginnen.  Auf dem Gipfel wird es nun endlich wärmer, und so genießen wir die Aussicht  Weißhorn, Zinalrothorn, Lenzspitze, Dom und Dent Blanche  Gand Combin, Rimpfischhorn und Matterhorn Monte Rosa  Fiescherhorn, Grünhorn, Bietschhorn und Aletschhorn Ich bin froh, das Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben, und so fotografiere ich in alle Richtungen die vielen berühmten Berggestalten. Wir sind bereits um zehn Uhr morgens wieder am Zelt und verbringen den Tag damit, der Hitze zu entkommen. Ja, auch auf 3600 Meter höhe, auf einem Gletscher, im Schnee wird es tagsüber sehr warm. Die Sonne reflektiert auf dem goldenen Granit und dem frischen Schnee und heizt das Gletscherbecken auf wie einen Backofen. Und so spielen wir bald mit dem Gedanken, uns eine Glescherspalte zu suchen und uns dort hineinzulegen, denn selbst in Unterhose im Schatten des Zeltes ist es kaum auszuhalten.  Am Nachmittag fangen wir wieder an, uns auf vier(!) Kochern gleichzeitig einen Gaumenschmauß von Abendessen zu kreiren. Zwiebeln werden in Bier angedünstet, Nudeln, Gulasch und Rouladen wandern in die Töpfe, sodass wohl allen Bersteigern auf dem Geantgletscher das Wasser im Mund zusammengelaufen sein muss. Okay, war vielleicht auch ein bisschen gemein, immerhin konnten wir ja sehen dass ringsum alle anderen nur still ihr Tütenfutter kauten... Unser Zeltplatz mit den Tres Monts am letzten Abend   Am nächsten Morgen wollten wir eigentlich die Rebuffalt-Route komplett klettern, doch eine Schlechtwetterfront macht uns einen Strich durch die Rechnung. Also packen wir gleich unsere Sachen zusammen und machen uns daran, die schweren Rucksäcke zurück zur Seilbahnstation zu schleppen. Die Aiguille Verte und die Drus sorgen mit den Sturmwolken für eine Mordor-Stimmung  Wieder in Chamonix angekommen gehen wir einkaufen und suchen uns einen Campingplatz für die Nacht. Dort grillen wir noch gemütlich, immerhin darf bei uns das Kulinarische ja nicht zu kurz kommen... Für unsere restliche Zeit planen wir die ersten drei Etappen der Traversee Royale, also die Überschreitung der Domes du Miage und die Besteigung der Aiguille du Bionassay. Der erste Stützpunkt dafür ist das Refuge Conscrits, also rufen wir vormittags an, um Schlafplätze zu reservieren. "Seid ihr etwa noch nicht losgelaufen?!" fragt die erstaunte Hüttenwirtin am Telefon "Normalerweise braucht man sechs bis sieben Stunden zur Hütte!". Wir sitzen leicht verunsichert in Chamonix. Zum Ausgangspunkt der Tour müssen wir noch eine gute dreiviertel Stunde Autofahren, außerdem sind unsere Rucksäcke noch nicht gepackt und unser Zelt steht immer noch auf dem Campingplatz.     Beim Zustieg zur Conscritshütte  Zwei Stunden später laufen wir am Ausgangspunkt los. Der Wegweiser gibt sieben Stunden an, oha. Immerhin sind durch die Hüttenübernachtungen unsere Rucksäcke klein und leicht, als wir uns auf den Weg machen. Ein Baguette, das wieder in der Skihalterung außen an meinem Rucksack hängt ist bald auch wieder leichter beziehungsweise kürzer. Wir laufen nicht wirklich schnell, aber wir trödeln eben auch nicht, und so melden wir uns etwa dreieinhalb Stunden später bei der verdutzen Hüttenwirtin.  Auf der Hüttenterrasse genießen wir die Aussicht über das ruhige Tal des Tre la Tete Gletschers. Später zeigen sich ein paar neugierige Steinböcke, die mich mit der Kamera bis auf ein paar Meter heranlassen. Beim Abendessen bekommen wir große Schüsseln voller Köstlichkeiten auf die Gemeinschaftstische gestellt, sodass rundum bald alle satt sind. Doch ich kann sowieso immer essen wie ein Schwarzes Loch, dazu kommt, dass ich bei der nächsten Hütte aus Kostengründen statt der Halbpension nur eine Übernachtung gebucht habe. Also hole ich mir von den Nachbartischen die Schüsseln und fülle meinen Teller ein ums andere Mal nach. Gegenüber von uns saß eine englische Familie, die das Treiben irritiert beobachtete. Irgendwann fragte die Tochter ihren Vater, offenbar in dem Glauben dass ich des Englischen nicht mächtig wäre "Those are Germans, aren't they?!", woraufhin der Vater nur nickte... Am Morgen lassen wir uns Zeit. Wir stehen erst auf, als das Gewusel im Matratzenlager vorbei ist, und frühstücken in aller Ruhe. Anschließend spazieren wir gemütlich unter dem Mondlicht Richtung Tre la Tete Gletscher, den wir nach zahlreichen Fotostops ("Nicht bewegen! Ich mach ein Foto! Muss aber 30 Sekunden belichten... ... Mist, nochmal!") erst nach eineinhalb Stunden und endlos weit hinter den ersten Bergsteigern erreichen.  Am Rand des Eises legen wir gemütlich Steigeisen an und machen das Seil zurecht, als Andi plötzlich fragt: "Hab ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich als erster am Gipfel sein will?" Haben wir uns schon gedacht. Und so kommen wir nach etwas mehr als einer Stunde leicht außer Atem am Col du Dome an, knapp unter dem Hauptgipfel. Die nächste Seilschaft liegt gute zehn Minuten zurück... Mit Puls am Anschlag und einem guten 800hm/h-Schnitt geht's über den Gletscher...  Am Hauptgipfel trennen sich aber ohnehin unsere Wege. Anders als die anderen Seilschaften, die nach dem Gipfel wieder zur Conscritshütte zurückkehren, traversieren wir über den leichten, aber brüchigen Felsgrat hinüber zum Nordgipfel. Nach Norden brechen die Domes du Miage über ihre hohe Nordwand 900 Meter tief ab, was beim Klettern für spektakuläre Tiefblicke sorgt.  Hoch über der Nordwand  Trotz kürzerer kleiner Aufschwünge wird die Kletterei nie wirklich schwer Am Norgipfel angekommen machen wir erstmal Pause. Alles andere wäre ein regelrechter Sakrileg, immerhin handelt es sich bei diesem Felskopf um einen der schönsten Aussichtspunkte der Alpen. Weitab von Seilbahnen oder Menschenmassen, hoch oben über den Tälern und dem schuttbedeckten Glacier du Miage, der wie aus dem Karakorum gestolen tausend Meter unter uns liegt. Dennoch ragt der Mont Blanc mit seiner wilden, von Hängegletschern gezierten Miageflanke noch weit über tausend Meter über unseren Köpfen. Dieser Gipfel ist ein Ort, an dem man tagelang Zelten könnte ohne sich satt zu sehen. Satt werden wir dafür in anderer Hinsicht, denn während der vierdienten Pause holen wir Brot, Wurst und Bier aus den Rucksäcken. Leider können wir uns nicht allzu viel Zeit nehmen, die anhaltende Hitze sorgt für eine erhöhte Steinschlaggefahr. Gerade am Verbindungsgrat von Domes du Miage und Aiguille du Bionassay ein ernst zu nehmendes Problem, immerhin lässt sich die Felsqualität am ehesten mit einem trockenen Sandkucken vergleichen...  Hoch über dem Miagegletscher, bei der Querung zu den Felsen  Am Nordgrat, im Sandkuchenfels Viele der Tonnenschweren Felsklötze auf dem Grat hätte man mit dem kleinen Finger in den Abgrund schieben können... An der "Hütte", eigentlich mehr eine bemannte Biwakschachtel, treffen wir zwei Tschechen, Speedbergsteiger, die am nächsten Tag wie wir auf die Aiguille du Bionassay möchten, dann aber gleich weiter zum Gipfel des Mont Blanc und hinunter nach Chamonix. Wir hören beeindruckt ihren Geschichten über Speedbergsteigen und Sponsoring zu. Beim Abendessen begnüge ich mich mit einer Tafel Schokolade und einem Stück Ringsalami. Das wars dann mit dem kulinrischen Anspruch. Immerhin habe ich mir so das Geld für die Halbpension gespart...    Als die Tschechen zweieinhalb Stunden vor uns aufbrechen bleiben wir noch liegen. Irgendwann schälen wir uns auch aus den Decken, mampfen einen Müsliriegel und schlürfen ein bisschen Tee, bevor wir in die Nacht aufbrechen. Da wir die ersten 150 Höhenmeter bereits am Vortag erkundet haben fällt uns die Orientierung im Dunkel leicht, wir kommen gut voran. Natürlich wieder mit zeitraubenden aber notwendigen Fotostops. Als die Dämmerung einsetzt klettern wir schon im ersten Felsriegel auf den Südgipfel. Vor uns bauen sich hinter einem kleinen Sattel mit einem schmalen Firngrat die spitzen Gipfelfelsen der Bionassay auf.  Die Gipfelfelsen  Auf dem Südgipfel  Zum Routenverlauf in den Felsen gibt es widersprüchliche Angaben, und so folgen wir unserem Gespür und bleiben hart an der Gratkante. Hier ist die Kletterei zwar etwas anspruchsvoller, aber der Fels ist fest und weitestgehend frei von Schotter und losen Blöcken. Die Schwierigkeit reicht trotzdem nie über den vierten Grad hinaus. An der Schlüsselstelle, ein überhängender Kamin auf einen Gratkopf, holen wir das Seil aus dem Rucksack und sichern über diese Stelle hinweg. Danach geht es leichter über Bänder auf der Ostseite zur firnigen Gipfelkalotte.  Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Gipfel der Grajischen Alpen. Wir sind durch den Mont Blanc noch von der Sonne abgeschirmt Erst jetzt, bei der Kletterei in Gipfelnähe treffen die ersten Sonnenstrahlen auf die Gipfel ringsum. Und wieder kann ich mich kaum sattfotografieren. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich mit diesem Punkt... Spektakuläre, aber wenig schwierige Kletterei   Auf dem Firn der Gipfelkalotte treffen auch uns die ersten Sonnenstrahlen, und kurze Zeit später schon haben wir die wenigen Schritte hinter uns gebracht.  Der Horizont weitet sich. Rechts die Domes de Miage, die wir am Vortag überschritten haben  Obwohl wir auf einem Viertausender sitzen und 3000 Meter tief ins weit unter uns liegende Avretal hinabschauen können, müssen wir doch auf der anderen Seite den Kopf in den Nacken legen. Immerhin überragt uns der Mont Blanc noch um fast 800 Höhenmeter. Und siehe da, die Tschechen sind uns gerade mal eine Stunde vorraus. Wie schnell sich doch der Vorsprung verkleinert hat. Dennoch, wir halten an unserem Plan fest und belassen bei bei diesem Gipfel. Nach dem Gipfelbier an der Aiguille de Bionassay folgen über 3000 Höhenmeter Abstieg ins Tal. Während in der unteren Hälfte wanderpfade durch harmlose Almwiesen warten, müssen wir im oberen Teil genauso konzentriert bleiben wie im Aufstieg: Der Abstieg folgt hier der Aufstiegsroute und führt wieder über ausgesetzte Firngrate, durch schwierige Kletterstellen und brüchigen Fels. Hier muss jeder Fußtritt sitzen. Wir hetzen uns nicht, dennoch sind wir bereits gute vier Stunden nach Aufbruch wieder an der Hütte. Wir haben die Hüttenwirtin am Vortag gefragt, wie lange man zur Aiguille du Bionassay braucht. Für den Aufstieg wären vier bis fünf Stunden zu veranschlagen, für den Abstieg allerdings nur drei. Dementsprechend ungläubig schaut sie jetzt von uns zum Gipfel und wieder zu uns. Wir fragen, wie lange man zu den Chalets du Miage braucht. Das ist das vorletzte Etappenziel, bevor man nach nochmals vierhundert Höhenmetern das Tal erreicht. Sie sagt nur "Normaly people Need five hous. Maby you are... faster." Wir hätten jetzt ja theoretisch die Zeitreserven für einen langsamen gemütlichen Abstieg, doch nach den ersten tausend Höhenmetern, das schwierige Gelände liegt größtenteils hinter uns, sind wir schon wieder dabei, die Zeitangaben auf den Wegweisern zu halbieren. Zweieinhalb Stunden nach Aufbruch an der Hütte bestellen wir an den Chalets du Miage drei Bier... Schließlich bringen wir auch die letzten Vierhundert Höhenmeter hinter uns. Im Tal angekommen beschließen wir aus Wetter- und Termingründen die Heimreise. Chamonix, ich komme wieder!
Anfang Juli. Ganz Deutschland ächzt unter einer außergewöhnlichen Hitzewelle. In Kitzingen werden mit über 40°C die wärmsten Messwerte seit langen verzeichnet. Und wie immer schimpft jeder über das Wetter. Zu kalt, zu nass, zu neblig, zu grau, zu trocken und diesmal eben zu heiß. Aber man muss ja nicht immer über das Wetter schimpfen, das bringt eh nichts außer allgemeine schlechte Stimmung. Vielmehr muss man beste draus machen, also bei Hitze eine Abkühlung suchen. Wir haben an diesem heißesten aller Wochenenden eine solche gefunden. Und zwar im hintersten Ötztal, in der Nordwand der Hinteren Schwärze. Normalerweise ist das Klettern in einer Nordwand geprägt von dicken Jacken, Kälte und tauben Fingern. Wir erhoffen uns stattdessen angenehme Temperaturen, also fahren wir Samstag früh nach Vent, dem Ausgangspunkt für diese Tour. Der erste Teil des Zustiegs besteht aus dem langen Talhatscher durchs Niedertal zur Martin-Busch-Hütte. Bis hierhin führt ein breiter Schotterweg hinauf, deshalb wollen wir bis zur Hütte die Mountainbikes mitnehmen, fahrend und schiebend, um den langen Abstieg auf eine angenehme halbe Stunde zu verkürzen. Allerdings wollen wir auch nicht auf der Hütte übernachten, schließlich hat man bei einer Hüttenübernachtung "nur den halben Berg". Man bringt sich damit um das Erlebnis einer Übernachtung im Hochgebirge, außerdem bleibt mit einem leichten Hüttenrucksack immer der Beigeschmack, den Berg nicht aus eigener Kraft bezwungen zu haben. Im Umkehrschluss ächzen wir dafür aber natürlich beim Zustieg unter großen schweren Rucksäcken. Wir sind trotz des gut fahrbaren Weges kaum schneller als Andere zu Fuß, dafür fallen wir mit den Mit Seil, Eisgeräten und Isomatten behängten Rucksäcken umso mehr auf. An der Hütte angekommen schließen wir die Fahrräder zusammen und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Marzellferner. Die Warnhinweise "Achtung Bergsturzgefahr! Weg gesperrt" ignorieren wir genauso beflissen wie alle Aspiranten der Hinteren Schwärze in den vergangenen Jahren. ach einer dreiviertel Stunde dann öffnet sich endlich der Blick zur Zunge des Marzellferners, die traurig tief unter den Moränen liegt. Darüber thront immer noch majestätisch der Similaun, allerdings mit seiner mittlerweile traurig braunen statt weißen Nordwand. Klimawandel lässt grüßen. Wir folgen dem Pfad ein Stück weiter, bis er uns auf das Eis führt. Wir überqueren noch zwei Mittelmoränen und bauen dann auf einem ebenen Plätzchen unser Zelt auf, zur Verankerung im Blankeis müssen die Eisschrauben herhalten. Wenigstens zeigt hier jetzt die Hitze der letzten Tage ihre freundliche Seite, wir müssen nicht Schnee schmelzen, sondern können uns ganz entspannt an einem der vielen oberflächlichen Schmelzwasserbäche bedienen. Obwohl die Sonne bereits hinter dem Marzellkamm verschwunden ist frieren wir nicht, wir sitzen entspannt mit dünnen Klamotten vor dem Zelt und lauschen dem Surren des Benzinkochers, während über dem Schalfkogel ein abendliches Wärmegewitter tobt. Nachdem wir noch kurz unsere nun deutlich leichteren Rucksäcke gepackt haben - das meiste bleibt morgen im Zelt - legen wir uns Schlafen, immerhin habe ich den Wecker auf halb fünf gestellt. Nach einer kurzen Nacht reisst uns der Wecker "schonend" mit Metallica aus dem Schlaf. Draußen liegt bereits ein erster Saum der Dämmerung über dem Horizont, während ich einen ganzen Liter Kaffee koche. Ein halber Liter wandert in die Thermoskanne für später, den Rest trinken wir gleich. Derart gestärkt rennen wir nun den Gletscher empor, den Gletscherbruch lassen wir auf der rechten Seite liegen. Laut AV-Karten und Tourenbeschreibung umgeht man ihn zwar eigentlich auf der anderen Seite, doch wieder zeigt sich hier der Klimawandel. So geht es mittlerweile auf dem linken Gletscherrand entspannt und Spaltenfrei nach oben. Nach einer Kuppe taucht endlich unser Ziel auf, doch die Nordwand zeigt sich zur Hälfte mit Blankeis. Wir entscheiden, dem schwach ausgeprägten Sporn in der Wandmitte zu folgen, hier reicht der Trittfirn offenbar recht weit nach oben. Nachdem schließlich auch der letzte Teil des Zustiegs hinter uns liegt pausieren wir kurz am Wandfuß. Eisäxte zücken, Zähne fletschen und natürlich die Thermoskanne mit Kaffee leeren. Die untere Wandhälfte mit mäßiger Steigung um 50° und Trittfirn gehen wir seilfrei, sichern wäre hier nur unnötige Zeitverschwendung. Allerdings habe ich mir unter weiser Vorraussicht schon das Seil um die Schulter gelegt, die Schrauben baumeln bereits ohne Schutzkappe am Gurt. Denn nach etwa zweihundert Metern stoßen die Frontalzacken der Steigeisen auf hartes Blankeis. Auch steilt die Wand jetzt deutlich auf, die Steigung beträgt etwa 60°. Also nehme ich das Seil von den Schultern, wir binden uns ein. nachdem wir einige Zeit am laufenden Seil geklettert sind hinterlasse ich zwei Eisschrauben als Standplatzsicherung und tanze vorsichtig auf den Spitzen der Frontalzacken nach oben. Wir haben nur fünf Eisschrauben dabei, das bedeutet ich kann in einer Seillänge auf 60 Meter nur eine Zwischensicherung legen. Egal, Stürzen ist ja eh tabu in den Bergen, also ignorie ich das Seil vollkommen. Das Eis ist hart, aber kein bisschen spröde. Das Einschlagen der Eisgeräte ins Eis erfolgt jedes mal mit einem herrlich dumpfen tacken. Nachdem ich einige Felsen umkurvt habe baue ich in einem steilen Couloir wieder einen Stand und sichere nach. Was für eine Entspannung für die Waden. Doch gleich darauf muss ich wieder vorsteigen, ich habe den besseren Trainingszustand und die schärferen Eisgeräte. Na gut, macht ja auch Spaß. Nach zwei weiteren 30-Meter-Runouts lehnt sich die Wand zurück, sie ist wieder Firnbedeckt. Nachdem ich einen gefühlten Kubikmeter Schnee nach unten gewühlt habe kann ich einen letzten Stand bauen. Die Schrauben gleicheeinfach mit dem Seil aus, denn Sichern ist jetzt eh nicht mehr nötig. Vom Gipfel trennen uns noch circa 80 Höhenmeter, doch auch die haben wir schnell hinter uns gebracht. Als kleines Finale wartet noch der brüchige, ausgesetzte Gipfelgrat auf uns, dann können wir uns am Gipfelkreuz die Hände schütteln. Nachdem wir das Gipfelpanorama ausgekostet haben machen wir uns auf den Rückweg über den Normalweg. Im mittlerweile aufgeweichten Sulz des Gletschers geht es zügig zum Zelt hinab. Nachdem wir das Zelt abgebaut haben und alles in den nun wieder schweren Rucksäcken verstaut haben folgt noch der üble Gegenanstieg über den Marzellkamm, bevor wir an der Hütte auf unsere Räder steigen und der Hitze im Tal entgegenrollen.
18.06.2015
Silvan Metz
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 Hinter dem kleinen Steinmann auf einem Felsen im Gletscherbach recken sich die höchsten Gipfel der Ostalpen, die Berge der Bernina, in den Abendhimmel. Im Bild zu sehen sind die drei Bellavistaspitzen (links), der Piz Argient, der Crast' Agüzza und natürlich der Piz Bernina, der höchste Berg der Ostalpen. Von seinem Gipfel zieht nach rechts der Biancograt herunter, eine nicht anspruchslose aber landschaftlich extrem eindrucksvolle Tour, die oft als schönster Firngrat der Alpen betitelt wird. Seit ich diese Himmelsleiter vor zwei Jahren selbst erklettert habe spukt mir dieses Bild im Kopf herum. Ich wollte die Größe und Mächtigkeit der Gipfel und Gletscher duch diese Ansicht aus dem Morteratschtal zeigen, immerhin sind es hier auf sehr kurze Distanz bereits knapp 2100 Höhenmeter bis zum Piz Bernina. Schon damals hoffte ich, während des Abstieges ein solches Bild zu fotografieren, doch Zeitdruck und Lichtsituation waren gegen mich. Diesmal hatte ich ausreichend Zeit, denn ich war allein und hatte mein Zelt nur hundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Flusses aufgebaut. Als Abends dann die letzten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln verschwanden und die Blaue Stunde begann, war ich eifrig am fotografieren. Sandbänke, Steinblöcke und Wasser musste als Vordergrund dienen, doch kein Motiv entsprach wirklich meinen Vorstellungen. Am anderen Flussufer fiel mir immer wieder diese Ansammlung von großen Felsbrocken auf, die durch einen Bergsturz in das türkiesfarbene Wasser gerutscht waren. Bald dämmerte es mir, das das wohl die perfekte Location war, doch ich konne nirgens eine Möglichkeit finden den Fluss zu überqueren. Also Schuhe und Socken raus, Hose hochkrempeln und ab durchs eiskalte Gletscherwasser. Die Strömung hielt sichh in Grenzen, doch das Wasser reichte mir weit über die Knie. Zeit zum frieren hatte ich nicht denn hastig stürzte ich mich auf der anderen Seite auf die Motive. Ich wurde nicht enttäuscht, der Vordergrund war perfekt. Trotzdem fehlte noch etwas. Die Pioniere der alpinen Landschaftsfotografie, Ansel Adams und Brad Washburn, waren sich nicht so richtig einig über die ideale Bildgestaltung: Während Ansel Adams jedes Zeichen von Menschen oder Personen auf Bildern strikt ablehnte war Washburn der Meineung, man könne nur die Größe von Bergen und Landschaften zeigen, indem man Menschen mit in die Komposition einbezog. Normalerweise bin ich auch der Meinung, dass erst die Relation von kleinem Mensch und großen Berg die wahren Dimensionen der Gebirge zeigen können, doch hier war ich allein, hatte also kein Model. Natürlich hätte ich mich mit dem Selbstauslöser behelfen können, doch irgendwie war ich angesichts der Stimmung zu ehrfürchtig, um die Komposition durch eine Person zu stören. Ich fand, hier würde ein Mensch nur die Aufmerksamkeit von den Bergen weglenken, und das kam mir regelrecht frevelhaft vor. Vielmehr hatte ich den Plan, statt einer Person eine versteinerte Person, ein Steinmännchen ins Bild zu setzen. Auf diese Weise bleibt im Bild nur Natur übrig, und trotzdem zeigt die menschliche Form der drei Steine die Dimensionen der eisigen Gipfel. Nach ein paar waghalsigen Sprüngen über wackelige Felsbrocken im Eiswasser stand der Steinmann an seinem Platz und ich war gerade rechtzeitig wieder hinter der Kamera, um das letzte Nachglühen des Sonnenuntergangs an den Gletschergipfeln einzufangen. Ich war zufrieden. Das Licht war noch eine gute dreiviertel Stunde lang schön zum fotografieren, doch ich schaltete die Kamera aus und machte mich auf den Rückweg zum Zelt. Ich wusste, ich würde an diesem Abend sowieso kein besseres Bild mehr machen. Und nach dem eiskalten Rückweg durch den Fluss wartete immerhin ein schöner warmer Schlafsack... Die anderen Bilder aus der Bernina will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten:
16.05.2015
Silvan Metz
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Irgendwie bin ich zwar den ganzen Winter über zum Fotografieren gekommen, aber nie zum bearbeiten und schreiben. Ich stehe wohl einfach lieber draußen hinter dem Stativ als dass ich daheim vor dem Computer sitze. Nichtsdestotrotz sind in der kalten Jahreszeit einige Bilder entstanden, die zu schade sind um sie auf der Festplatte verstauben zu lassen. Ich fasse mich kurz mit dem Text und lasse daher leiber die Bilder sprechen: Skitouren-Saisonstartan der Rudolfshütte in den Hohen Tauen. Aus Schneemangel in den Voralpen mussten wir uns für das traditionelle Skiwochenende der Bergwacht Oberbach kurzerhand höhere Ziele setzten - im wahrsten Sinne des Wortes.  Saisoneröffnung an der Rudolfshütte in den Hohen Tauern. Die Seilbahn machts möglich, trotz mieserabler Schneelage im Dezember.  Das Ziel im Blick: Hinter den Schneebedeckten Gletscherrücken taucht bereits der Hohe Sonnblick (3088m) auf.  Langsam weitet sich auch der Blick in die andere Richtung zum - laut AV-Gebietsführer - "schönsten Dreitausender der Ostalpen", dem Wiesbachhorn. Davor die Klockerin und der Bratschenkopf.  Zwei Skitourengeher vor den düsteren Nordwänden von Eiskögele und Hoher Kasten, eine kalte und eisige Spielwiese für extreme Alpinisten.  Mit zunehmender Höhe wirkt das Wiesbachhorn immer dominanter, vielleicht ist die Titulierung im AV-Füher doch gar nicht so hoch gegriffen?  Durch die Gletscherschmelze wurde die Gipfelflanke des Hohen Sonnblicks immer schwieriger. Wo man noch vor ein paar Jahren gemütlich mit Ski aufsteigen konnte, muss man heute durch steile verschneite Felsen kraxeln.  Am Gipfel reicht der Blick dann zum Kögig der Hohen Tauern, dem Großglockner. Obwohl der Blick auch in alle anderen Richtungen beeindruckend ist, werden wir von böigen Wind schnell wieder vom Gipfel vertrieben. Schließlich bringt der Januar doch noch Powder in die Nordalpen, was natürlich auch ausgiebig genutzt wird.  Je steiler der Aufstieg, desto besser die Abfahrt. Am Bschießer im Allgäu.  Der Gipfel wartet allerdings mit einer eher düsteren Föhnstimmung.  Was tun, wenn man bei bestem Powder in Unterjoch im Allgäu sitzt, aber die tagesfüllende Bergwachtausbildung schon um acht Uhr beginnt? Richtig, man steht um halb fünf auf, marschiert im Dunkeln los und ist am Gipfel, wenn es gerade so hell genug ist für Schwünge im perfekten Pulverschnee. Und rechtzeitig zum Frühstück ist man dann auch noch zurück... Das Thanellerkar bei Reutte bietet Dolomitenfeelig mit hohen Felswänden und engen Rinnen. Die Abfahrt duch ideale Hänge und "Pillows" begeistert auch bei Nebel. Zur Osterzeit verschlug es mich nochmal nach Vent im hintersten Ötztal. Ich war allein, und der Wetterbericht war zweifelhaft. Entweder sollte es am nächsten Tag etwas bewölkter und kälter werden, oder ein großer Orkan würde über Europa ziehen. Nunja, eine große Spanne für einen Wetterbericht. Ich entschließe mich für eine Tour durchs Mitterkar und durch die Nordwand des Hinteren Brochkogels, mit geplanten Biwak im hinteren Teil des Mitterkars. Sollte das Wetter gut sein, könnte ich relativ schnell den Gipfel erreichen und zur Mittagszeit wieder im Tal sein, würde das Wetter entgegen meiner Hoffnung eine Begehung vereiteln könnte ich vom Biwak aus ohne Orientierungsprobleme oder Lawinenhänge  ins Tal abfahren. Noch ist das Wetter perfekt und so stapfe ich mit schwerem Rucksack bei Windstille unter tiefblauen Himmel ins Mitterkar hinein. Ich finde einen schönen Biwakplatz mit aufgeschichteten Mauen als Windschutz mache es mir bequem. Der Sonnenuntergang besticht mit klarer Sicht und rot glühenden Wolken, wunderschön zum Fotografien, aber auch ein Vorbote für schlechtes Wetter... Nachts wache ich bereits mehrmals auf, weil der auffrischende Wind schneekristalle in jede noch so kleine Öffnung des Biwaksacks hineinrieseln lässt. Trotz arktischer Bedingungen schlafe ich ansonsten recht ungestört. Zum Glück habe ich einen murmeltierartigen Schlaf, selbst beim biwakieren unter gruseligen Umständen brauche ich - auch diesmal- einen Wecker... Am nächsten Morgen hat sich das Wetter endgültig für "Orkan" statt "bewölkt" entschieden. Insgeheim ist eine Seite in mir froh, schlechtes Wetter bedeutet schließlich länger schlafen (Und ich weiß, das ich nicht der einzigen Bergsteiger bin dem das so geht ;-) ). Der Wind weht mit 70-90km/h, aufrecht stehen ist kaum möglich, an die Tour ist nicht zu denken. So mache ich noch einige Fotos, immerhin ist schlechtes Bergwetter fast immer gleichbedeutend mit gutem Fotowetter und trete dann den Rückzug an. Immerhin werde ich mit diesem Bild des Schalfkogels entschädigt. Der Orkan treibt dunkle Wolkenfetzten über die Täler, während die Sonne zum letzten Mal noch für mystische Beleuchtung in den Wolkenlücken sorgt. Bei diesem Bild muss ich sofort an Tolkiens Mittelerde denken. Ob er sich Mordor, die Nebelberge oder den Caradhraspass vielleicht genau so vorgestellt hat?
24.04.2015
Silvan Metz
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Fasching 2015. Eine Woche Ferien. Danach muss ich für die Abiturprüfungen lernen. Oder sollte ich zumindest. Gut, das Lernen wird eh erst mal ins Unterbewusstsein verdrängt, jetzt steht erst mal eine Woche mit guten Wetteraussichten und sicheren Lawinenverhältnissen an. Leider haben meine Tourenpartner alle keine Zeit, mit Marko, Andi und Charly könnte ich erst in der zweiten Wochenhälfte in die Berge fahren. Nach einer kurzen Umfrage am letzten Schultag habe ich aber schnell jemanden gefunden, der mich auf dem Weg in den Skiurlaub in Graubünden ein Stück mitnimmt, danke dafür. Und so stehe ich also pünktlich zum ersten Ferientag in Feldkirch am Bahnhof, dabei habe ich meine Ski, die Stöcke, und einen überquellenden Rucksack. Der enthält neben den üblichen Klamotten für Skitouren und der obligatorischen Lawinenausrüstung außerdem noch einen Kocher, Tütensuppe und Müsliriegel für 4-5 Tage und ein Paar Wechselsocken. Für mehr ist im doch nicht allzu großem 45-Liter-Rucksack auch kein Platz. Da ich nicht wusste, ob ich alle Nächte in einer Alpenvereinshütte respektive einem Winterraum verbringen konnte baumelt noch ein kleiner billiger Sommerschlafsack außen am Rucksack. Das wars. Die Skischuhe habe ich bereits an. So steige ich denkbar auffallend - schließlich ist ja Faschingszeit - in den Zug der mich in einer Stunde nach Landeck bringen sollte. Während der Fahrt über den Arlberg sehe ich die weißen Wunderwelten des Winters immer näher kommen. Die Vorfreude steigt, das Lernen fürs Abitur ist mittlerweile selbst aus dem Unterbewusstsein verdrängt. In Landeck wechsle ich in den Bus, der mich das letzte Stück nach Ischgl bringt. Für einen Aufstieg zur Heidelberger Hütte, meiner Bleibe für die nächsten Tage ist es schon deutlich zu spät, und so mache ich es mir auf einer Bank am Ortsrand bequem. Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen, während der Kocher beruhigend surrt und das Nudelwasser erwärmt. Nach der warmen Mahlzeit wechsle ich meine Sitzgelegenheit, schließlich bietet der Intersport freies W-LAN... Als es Zeit zum Schlafen gehen ist bin ich richtig froh, dass ich den kleinen Schlafsack mitgenommen habe. Ein Zimmer in Ischgl übersteigt natürlich mein knappes Schüler-Budget, und so wartet eine klirrend kalteNacht auf mich. Als zu späterer Stunde der Betrieb in der Stadt nachlässt lege ich mich auf eine Bank im beheizten Vorraum der Tourismusinformation, doch nach einiger Zeit werde ich von hier vertrieben. Draußen zeigt das Thermometer -17°C, auf meinem Schlafsack steht dagegen etwas von +2°C... Na gut, ein Biwak in der Eiger-Nordwand ist bestimmt noch kälter. Aber nicht so bequem und viel absturzgefährdeter als die Bushaltestelle, auf deren Bank ich die restlich Nacht schlafe. Am nächsten Morgen treibt mich die Kälte allerdings schnell aus den Federn. Ich schultere den schweren Rucksack und haste zum Aufwärmen in großen Schritten über die Skipiste Richtung Fimbertal. Kaum ist mir warm lasse ich es aber gemütlich angehen, immerhin ist der Hüttenzustieg durch das lange Fimbertal ein elender Hatsch, und mir bläst konstant ein strammer Föhnwind entgegen. Auf der Hütte angekommen habe ich so keine Lust mehr auf eine kurze Tour und lege mich gleich in mein Matratzenlager. Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker schon eineinhalb Stunden vor der üblichen Zeit, immerhin will ich auch den Sonnenaufgang von weiter oben fotografieren. Ich stapfe also im Stockdunklen bei minus zwanzig Grad los und stehe zum Sonnenaufgang bereits auf einer hoch gelegenen Terrasse über dem Tal. Die Morgendämmerung bei wolkenlosem Kaiserwetter ist ein Schauspiel, das seines gleichen sucht. Die Kamera frisst in einer Stunde einen kompletten Akku. Doch noch bin ich weit vom Gipfel entfernt. Ich überwinde eine weitere Talstufe und stehe am Rand eines großen Kessels, dahinter erhebt sich prachtvoll die in der Morgensonne strahlende, mächtige Ostwand des Fluchthorns. Daneben wirkt mein Ziel, der Piz Larein, regelrecht wie ein kleiner Hügel. Aber dieser Hügel ist mit seinen 3009m dennoch ein gutes Ziel zum Akklimatisieren, außerdem bietet er ein beeindruckendes Panorama. Außer mir ist kein Mensch unterwegs. Umso vorsichtiger lege ich also meine Spur. Zwar verspricht der Lawinenlagebericht weitestgehend sichere Verhältnisse, aber dennoch begutachte ich jeden Hang so ausgiebig als ob mein Leben davon abhinge. Tut es ja irgendwie auch. Der Vorteil beim Sologehen ist dafür, dass ich mich absolut nicht hetzen muss. Ich kann gemütlich in meinem Tempo laufen, ohne auf jemanden warten zu müssen oder den Anschluss zu verlieren. So erreiche ich völlig entspannt bei Traumwetter den Gipfel. Das Schaustück des weiten Panoramas bildet natürlich das beeindruckende Fluchthorn mit seiner düsteren Nordwand. Trotzdem muss ich mich irgendwann vom Panorama losreißen und die Abfahrt antreten. Der Schnee ist ziemlich vereist, und meine Leichtskischuhe habe ich zum ersten Mal an. So sehen meine Schwünge im Gipfelhang alles andere als elegant aus. Egal, bin ja allein. Weiter unten finde ich einen Hang, der noch feinsten Pulverschnee bietet, darunter hat die Sonne den Schnee schon ausreichend aufgeweicht, sodass ich im Butterfirn nun deutlich zünftigere Linien zeichnen kann. Und so ist die Abfahrt wie immer viel zu schnell vorbei und ich liege auf der sonnigen Terrasse der Hütte. Da ich mir nicht jeden Tag die teure Halbpension auf der Hütte leisten möchte und außerdem ja auch den Kocher und die Tütensuppen hergeschleppt habe koche ich mir mein Abendessen auf einem Felsen bei herrlicher Aussicht. So schmeckts doch gleich besser als im überfüllten Gastraum! Am nächsten Morgen stehe ich wieder vor allen anderen auf, wieder stapfe ich im Dunklen bei eisiger Kälte los um rechtzeitig zum Sonnenaufgang in interessanten Gelände zu sein. Auch diesmal ist das Wetter und der Sonnenaufgang grandios, und auch diesmal frieren die Finger beim Fotografieren wieder sofort ein und auch diesmal fluche ich ob der tauben Finger über die viel zu kleinen Knöpfe der Kamera. Diesmal zieht es mich ganz in den hintersten Winkel des Fimbertals zum Piz Tasna. Dieser Berg liegt wie ein Aussichtsbalkon als ein südlicher Ausläufer des Hauptkamms. Auch ist er mit seinen 3179m für einen Berg der Silvretta schon mehr als nur ein Hügel. Ich schleiche mich ehrfürchtig ob der bizarren Schönheit des hinteren Fimbertals still und schnell zur Furcola da Tasna. Hier verlasse ich das Fimbertal und zirkle in Spitzkehren unter dem 200m hohen Nordpfeiler des Piz Tasna über den Gletscherrest des Vadret da Tasna. Bald ist der überwechtete Westgrat erreicht, hier deponiere ich die Ski. Auf dem Grat ist noch keine Spur, und so muss ich bei anlegen derselben mein alpines Geschick unter Beweis stellen. Immerhin waren die von unten sichtbaren, über fünf Meter weit auskragenden Wechten Warnung genug. Bei einem letzten aber steilen Aufschwung zum Gipfel bedaure ich es noch kurz, dass ich weder Steigeisen noch einen Pickel dabei habe, immerhin ist der Firn fast 50° steil und bricht nach unten in eine Felswand ab. Aber mit ein bisschen entschlossenen Stockeinsatz ist auch dieses Hindernis bald überwunden und ich sitze auf dem ausgesetzten Gipfel des Piz Tasna. Was für ein Panorama! Am Horizont reiht sich fast alles auf, was in den Ostalpen Rang und Namen hat. Zugspitze und Widderstein, Pateriol und Hoher Riffler, Weißseespitze und Glockturm, Wildspitze und Weißkugel, Ortler und Dolomiten, Adamello, Piz Palü und Piz Bernina, Piz Badile und Cengalo, Piz Kesch, Piz Ela, Piz Linard, Piz Buin, Dreiländerspitze, Silvrettahorn und natürlich Fluchthorn, und auch die Westalpen lassen sich nicht lumpen: Säntis, Finsteraarhorn, Aletschhorn, Rheinwaldhorn, Fletschhorn, Lagginhorn, Weissmies, Rimpfischhorn und Monte Rosa mit seiner auch aus dieser Entfernung gewaltigen Ostwand. Der Ortler ist fast immer das Schaustück eines Ostalpenpanoramas. Meinen Rückweg möchte ich noch etwas ausdehnen und so nehme ich die Einladung des im nordwesten herüberwinkenden Piz Davo Lais gerne an. Doch erstmal muss ich den Gipfelgrat des Piz Tasna wieder herunter kommen. Bei den großen Wechten kommen mir zwei andere Tourengehe entgegen. Meine tiefe Spur haben sie verschmäht und laufen einen halben Meter neben der Wechtenkante. Ich hoffe insgeheim, dass ich meine Tour fortsetzen kann ohne noch einem Bergwachteinsatz beiwohnen zu müssen und bin auch bald wieder bei meinen Ski angelangt. Die Abfahrt wähle ich anders als die Aufstiegsspur nordwestlich ins Val Davo Lais, wo ich mit traumhaften Hängen ohne eine einzige Spur belohnt werde. Im besten Firn zirkle ich 100-Meter-Radien, vor lauter jauchzen bekomme ich kaum Luft. Schließlich erwarten mich noch 400 Höhenmeter Anstieg zum Piz Davo Lais. Im südseitigen Kar komme ich mir vor wie ein Hähnchen in der Mikrowelle, ich schwitze wie an einem heißen Südseestrand. Allerdings mit schönerem Panorama. Doch diese Herausforderung liegt auch bald hinter mir und ich stehe auf dem zweiten Gipfel des Tages. Unter mir breitet sich das herrliche kupierte Skitourengelände des oberen Fimbertals aus. Dahinter steht wieder erhaben das Fluchthorn. Auch die letzte Abfahrt des Tages will mir nochmal alles zeigen was die Silvretta für Skitourengeher zu bieten hat und führt mich nochmal über beste Hänge, über Kuppen, Rücken und durch Senken. Wieder erfüllt mein Jauchzen das winterliche Hochgebierge. Und auch das letzte Schiebestück zur Hütte kann mir nicht mehr das breite grinsen aus dem Gesicht stehlen. Am nächsten Tag steige ich noch auf den Piz Davo Sasse, von dem aus sich noch mal das gesamte Tourengebiet der letzten Tage unter mir ausbreitet. Dann fahre ich zur Hütte hinunter und hole meine restlichen Sachen, bevor ich mich mit nun wieder schweren Rucksack an die lange Talabfahrt mache. Wobei "Abfahrt" das falsche Wort ist, die Fortbewegung erfolgt immerhin zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Armmuskulatur und den Skistöcken. Doch irgendwann bin ich wieder in Ischgl, wo ich als erstes einen Supermarkt aufsuche mich mit frischen Obst eindecke. Vier Tage lang nur von den gleichen Müsliriegeln zu leben zermürbt nämlich auch. Dann fahre ich mit dem Bus zurück nach Landeck wo mich am nächsten Morgen Marko, Andi und Charly auflesen wollen. Allerdings muss ich bis dahin noch eine weitere Nacht hinter mich bringen, wieder habe ich keine Bleibe. So mache ich es mir im gar nicht mal so kalten Bahnhof auf einer Bank bequem und darf nach einigen Diskussionen sogar dort bleiben, nachdem ich mir für 45 Cent ein gültiges Bahnticket gekauft habe. Welch Gnade. Am nächsten Morgen schlurfen drei grinsende in Skiklamotten gekleidete Gestalten in den Bahnhof hinein: Sie wussten über meine Aktionen Bescheid und haben wohlweislich eine volle Thermoskanne Kaffee dabei. Einfach die besten eben. Sie haben für die nächsten drei Nächte eine billige Ferienwohnung im hintersten Langtauferer Tal gemietet uns so fahren wir in der Morgendämmerung über den Reschenpass. Kaum in Melag am Talschluss angekommen packen wir die Ski aus und laufen los in Richtung Weisseejoch. Die schöne Tour führt durch südseitige Kare mit einigen schönen Hängen und bietet am Joch noch die Option zum 3046m Gipfel der Quote aufzusteigen. Dank meiner Akklimatisierung in den letzten Tagen kann ich locker mit dem Tempo der anderen mithalten und wir erreichen wieder bei besten Kaiserwetter das Joch. Die knapp 100 Höhenmeter über einen Felsrücken zum Gipfel lassen wir uns natürlich auch nicht mehr nehmen und können kurz darauf am Gipfel unsere Brotzeit auspacken. Frisches Brot, Wurst, Käse, Paprika, Gurken und Äpfel: Was für ein Kontrastprogramm im Vergleich zu den letzten Tagen. Und Hopfenmalzgetränke dürfen natürlich auch keinesfalls fehlen. Die Abfahrt bietet im oberen Teil nochmals schönen Butterfirn, im Unteren allerdings ist der Schnee von einer Harschschicht überzogen. Doch auch das kann den Tourentag nicht mehr zerstören und wir setzten uns abends zuversichtlich ein - im wahrsten Sinne des Wortes - hochgestecktes Ziel: Durchs Fenster leuchtet der in der Abendsonne glühende Gipfel der Weiskugel herein. Von dem trennen uns allerdings knapp 2000 Höhenmeter und zehn Kilometer. Am nächsten Morgen geht es mir nicht gut. Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben, mir ist kotzübel. Aber die anderen spornen mich ungewollt mit ihrem Vorschlag an, sie könnten ja alleine zum Berg gehen und so reiße ich mich ordentlich zusammen und steige schließlich immer noch käsebleich in die Skibindung. Bis ich abmarschbereit bin sind die anderen schon zweihundert Meter vorraus. Definitiv kein guter Start für ein derartiges Unterfangen. Doch mit diesem Berg habe ich noch eine Rechnung offen: Vor zwei Jahren, ebenfalls mit Tourenski musste ich zusammen mit meinem Vater auf der Südseite der Weiskugel auf 3200m wegen unsicherem Wetter und Erschöpfung umkehren. Heute ist das Wetter sicher. Wegen Erschöpfung werde ich diesmal sicher nicht umkehren. Nehme ich mir vor. Nach den ersten Kilometern im flachen Talschluss haben wir noch kaum an Höhe gewonnen, doch am liebsten würde ich jetzt schon wieder zurück ins Bett. Wieder reiße ich mich zusammen und keuche den anderen hinterher. Ich werde während des weiteren Aufstiegs noch dutzende Male entscheiden umzukehren oder auf die anderen zu warten, doch jedes Mal habe ich mich dann wieder zusammengerissen und jedesmal habe ich das umkehren dann doch auf den nächsten markanten Geländepunkt vertagt. Nunja, der späteste markante Geländepunkt ist dann das Gipfelkreuz.   Die letzten Schritte zum Gipfel der Weiskugel, 3738m. Ich krieche mittlerweile auf dem Zahnfleisch. Oben schlägt uns eisiger Wind entgegen, der die Schneefahnen hunderte Meter weit über den Kamm hinausträgt. Doch den Wind spüre ich gar nicht mehr, auch die Anstrengung, die Müdigkeit und Übelkeit, das Kopfweh - all das tritt in den Hintergrund, es bleibt nur unbeschreibliche Erleichterung und Glück, wie ich es selten vorher verspürt habe. Dabei ist das nicht die schwerste Tour, die ich zu verzeichnen habe, bei weitem nicht. Es sind die Umstände der Tour, das absolute Ausloten meiner körperlichen und vor allem psychischen Grenzen, der ständige Kampf mit mir selber, den ich nicht oft so erbittert geführt habe. Immerhin legt man auf dieser Tour vom Tal aus und wieder zurück 2000hm und 22km zurück, am Stück, und am Gipfelhang warten ein paar hundert Meter kombinierte Kletterei mit Steigeisen und Eispickel. Stürzen sollte man das nicht, man muss jede Sekunde lang konzentriert bleiben - für mich diesmal ein psychisches Horrorspiel. Ich habe während dem Aufstieg etliche Male entschieden umzukehren, aber jedes Mal habe ich dann doch dem inneren Schweinehund einen brachialen Tritt versetzt und bin weitergegangen. Jetzt am Gipfel bin ich froh darüber, auch wenn der Abstieg noch lang und anspruchsvoll ist. Meine Skispuren auf dem Gletscher gleichen denen eines Anfängers, durch die Latschen fahre ich mit Pflug. Hauptsache runterkommen. Diesmal will die die Abfahrt kein Ende nehmen, diesmal sehne ich mir eines herbei. Genau umgekehrt wie sonst der Fall. Beim Skaten durch den flachen Talschluss falle ich weit zurück, ich bin so fertig, dass ich für 20 Meter Gegenanstieg nochmal die Felle auspacke. Bis ich bei der Dorfkneipe in Melag ankomme warten die anderen schon mit dem Abschlussbier. Ich merke nicht einmal mehr, dass ich mit den Fellen die letzten Meter auf Asphalt schlurfe. Durch das Fenster der Kneipe leuchtet wieder der Gipfel der Weiskugel im letzten Licht herein, als wir endlich auf die Tour anstoßen. Erst Tage später, immer noch zu nichts zu gebrauchen, nehme ich die Tour so richtig war. Am Nächsten Tag macht das Wetter zu, es schneit und die Sicht geht gegen null. Mir geht es jetzt richtig schlecht, ich bleibe im Bett während die anderen trotzdem ihr Glück versuchen. Am folgenden Tag laufen wir nochmals 400 Höhenmeter an einer ehemaligen Skipiste nach oben bevor wir die Heimfahrt antreten. Am nächsten Tag wäre eigentlich Schule, doch ich bin krank. Ist mir allerdings egal, ich bin immerhin gerade dabei die Touren, Eindrücke und Erlebnisse der letzen Tage verdauen. Damit habe ich erstmal genug zu tun...
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© Silvan Metz